Allein im Leben anderswo

Reh zwischen BäumenZur Zeit befinde ich mich in einer für mich sehr ungewohnten Situation: Ich habe frei. Im doppelten Sinne. Das Fräulein Tochter ist mit ihrem Papa bei Oma und Opa. Fünf Tage lang. An dreien dieser Tage arbeite ich, aber gestern und heute hatte ich komplett frei. Zwei Tage, also 48 Stunden am Stunden nur für mich. Plus die Abende der andere Tage. Das kenne ich ja nun gar nicht.
Das heißt: Schnellkurs im Leben. Was mache ich, wenn ich abends nicht arbeite oder zu Hause auf das Kind aufpasse? Im Kino gibt es nichts, was mich interessiert. Theater habe ich Sonntag nach der Arbeit mangels Motivation direkt wieder verworfen.

Eines war jedoch klar. Ich muß in diesen Tagen dringend etwas für mich tun. Ja, ich wollte auch endlich den nächsten Teil des Netleben-Fokus Kindersuchmaschinen fertigstellen, der hier seit mindestens einer Woche halbfertig in den Entwürfen lagert. Bisher bin ich aber noch nicht einen Buchstaben vorangekommen. Was zählt ist eines: Machen, wonach mir gerade ist. Zur Ruhe kommen. Luft holen. Dafür sind die zwei arbeitsfreien Tage schon wieder viel zu kurz.

Alles, was ich mir für die zwei komplett freien Tage überlegt hatte, hing sehr am Wetter. Es war ja wenigstens trocken. Aber dennoch so windig, dass ich wenig rausging. So verging der Dienstag zunächst mit – Putzen. Das aber gründlich. Gegen Abend bin ich dann endlich nach draußen. Statt tagsüber an den Rhein oder sonstwohin zu fahren, einfach nur ein Abendspaziergang direkt vor der Haustür. Der Wind hatte etwas abgeflaut, ich war gut eine Stunde unterwegs, warm verpackt. Ich war alleine draußen, bei der Kälte saßen wohl alle im Warmen. Belohnung: Ich sah einen schönen Sonnenuntergang.

SonnenuntergangDanach war ich noch lange genug unterwegs, um auf der anderen Seite den Vollmond zu sehen. Eine Zeit, zu der ich sonst nie draußen spazieren gehe. Die Temperatur paßt nicht zur Jahreszeit, die Länge der Tage und ihrer Helligkeit hingegen schon.

Heute Nachmittag bin ich dann wieder raus. Wieder war meine Motivation weg ,mich erst ins Auto zu setzen, um mal was anders zu sehen. Wieder war es zu kalt und stürmisch. Aber ich ging in die andere Richtung. Die Kamera nahm ich nicht mit, das Wetter ist ja eh nichts und überhaupt: Die Natur gibt gerade nicht viel her. Dachte ich. Statt meiner Sehnsucht nach Wasser nach zu gehen, ging ich in den Wald. Also das kleine Waldstück, oben bei uns auf dem Berg. Sehr groß ist die Fläche da nicht. Es hat sich gelohnt.

Waldesstille

Schnee war im Wald keiner mehr, aber die Wege waren auch nicht matschig, wie ich befürchtet hatte. Dickes Laub bedeckte den Weg. Es raschelte unter meinen Füßen. Ansonsten war es still. Waldesstill.

Trotz der Kälte zwitscherten die Vögel. Von der nicht all zu weit entfernten Bundesstraße hörte ich das Rauschen des Verkehrs. Merkwürdig fremd klang das an diesem Ort. Mir begegnete kein Mensch. Kein Hund. Kein Pferd. Was mir schon fast unheimlich war. Feierabendzeit und weder Spaziergänger noch Reiter unterwegs. Seltenes Glück. Was mir begegnete, war eine Gruppe von vier Rehen. Sie sprangen ein Stück weit weg vor mir über den Weg. Ich blieb stehen, kurz darauf betrachteten auch sie mich neugierig aus sicherer Entfernung. Wir standen uns „gegenüber“ (am Foto oben kann man die Entfernung sehen. Wer findet das Reh? Ohne Smartphonekamera war es aber viel näher…)

LaubwaldNadelwaldIch blieb stehen, beobachtete Rehe, nahm die dicke Mantel-Kapuze ab. Hörte auf die Geräusche des Waldes. Machte ein paar Schritte. Erschrak darüber, welchen Krach ich im Gegensatz zu den Rehen machte. Blieb wieder stehen, sah mich um. Überlegte, welchen Weg ich weiter gehen sollte. Wäre lieber länger im Wald geblieben, aber das war mir dann doch zuviel bergab und am Ende wieder bergauf. Außerdem war da unten doch Schnee. Ich ging zurück und betrachtete die zwei Seiten des Weges. Rechts war Laubwald, links Nadelwald. Links alles gelb-braun auf dem Boden, rechts viel mehr grün. Links Laub, rechts Moos. Nur getrennt durch einen Weg.

HexenwaldEinen Weg weiter dann noch ein neues Bild. Ich denke immer an einen Hexenwald, wenn ich hineingucke. Dunkel, unheimlich ist es dort drinnen. Die Stille ist eine andere, als im Rest des Waldstückes. Hier zwitschern keine Vögel in den Bäumen, oder dem, was davon noch übrig ist. Die Waldgeräusche kommen nur von der anderen Wegesseite. Hier denke ich nie darüber nach, einfach mal den Weg zu verlassen.

So viel verschiedene Waldarten auf einem so kleinen Gebiet auf dem Berg. Früher bin ich nur auf dem Pferd hier durch. So von oben sieht die Welt immer etwas anders aus. Mit Kinderbegleitung nimmt man sie dann nochmal anders wahr. Wo ist ein guter Baum zum Klettern, wohnen hier vielleicht Feen? Oder welches Tier verbirgt sich wo? Still ist es mit Kind im Wald eher selten.

Es tat gut heute, so allein im Wald. Die Stille, der Wald, der fast allen menschlichen Lärm schluckt. Dafür aber soviel andere Geräusche bietet. Die auch laut sein können. Aber viel stiller wirken.

 

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