Dafür habe ich heute keine Zeit

Morgensonnenschein am Waldesrand…aber ich mache es trotzdem!
So dachte ich heute Morgen. Das Kind machte sich als Seehund auf den Weg zur Schul-Faschingsfeier und draußen kündigte sich ein herrlicher Tag an. Es war noch frostig, die Wiesen noch weiß gefroren, aber die Sonne strahlte vom Himmel. Verlockend. Sehr verlockend. Ich mag die Morgenluft. In den letzten Jahren ist es selten geworden, dass ich gleich morgens rausgehe.

Warum eigentlich? Ja, das Pferd ist tot. Wann immer ich frei hatte, führte früher der erste Weg nach oben zum Stall. Seitdem die alte Oma nicht mehr lebt, ist immer etwas anderes wichtiger. Einkaufen. Putzen. So viele freie Tage in der Woche habe ich dann ja auch nicht.

Auch heute war mein Tagesplan voll. Hausputz stand an. Diverse Dinge mußten gelesen und durchgearbeitet werden. Texte wollten erdacht und getippt werden. Alles wichtig. Wie immer. Ich blickte sehnsuchtsvoll nach draußen. Endlich so ein richtig schöner Morgen mit Sonne, die Luft roch nach Frühling. „Du mußt heute viel schaffen, du hast nur den Vormittag“, mahnte es in meinem Kopf.

einsamer ZaunpfahlWas tat ich? Ich zeigte meinem Kopf und den Tagesplänen einen Vogel, suchte die dicken matschgeeigneten Stiefel hervor, zog mich an und ging los. Atmete die leicht frostige Luft ein. Dachte an den Hausputz. Verwarf das schlechte Gewissen und beschloß das einzig Gescheite: ein geputztes, ordentliches Haus ist lange nicht so wichtig, wie eine aufgeräumte Seele. Hausputz hilft eher selten bei letzterem.

Den Fotoapparat ließ ich zu Hause, aber das iPhone kam dann doch schnell aus der Tasche hervor. Kann ich ja auch mal ausprobieren, oder? Der Weg war klar: Ich wollte in den Wald. Vorbei am Stall, wie immer noch leicht wehmütig.

Die Pferde genossen auch den Morgen. Es war auf allen Matsch„koppeln“ noch ruhig. Ich merkte, wie die Sonne mir jetzt schon im Rücken brannte. Im Schatten war das Gras noch mit Reif überzogen, von vorne war es kalt. Aber der Sonnenschein arbeitete gegen die frühe Kälte an.

Morgenruhe bei den Pferden.

Ich war froh darüber, nicht den Zwängen des Alltags nachgegeben zu haben und zu Hause geblieben zu sein. Auf dem Weg am Rande des Waldes erwartete mich, genau das, was ich erwartet hatte: Matsch. Jede Menge Matsch. Aber ich hatte ja das passende Schuhwerk an. Also los. Freundlicherweise war der Matsch an vielen Stellen noch halbwegs gefroren.

Sonnenlicht im Wald

Die Morgensonne schien kräftig zwischen den Bäumen, die Lichteffekte waren wunderbar. Ich war natürlich nicht alleine im Wald. Jede Menge Vögel besangen den Vormittag und das schöne Wetter. Ein Wahnsinns-Gezwitscher rund um mich herum. Gesehen habe ich kaum welche der Vögel, sie versteckten sich gut und die Sonne trug ihren Teil dazu bei, dass ich nach oben nichts sehen konnte. Lichtspiele im WaldAber nicht nur Vögel waren da. Auch Rehe hüpften durch das Dickicht, ein Hase hoppelte ein paar Meter vor mir über den Weg. Was und wen hätte ich nicht alles verpaßt, wenn ich auf meinem Tagesplan beharrt hätte!

Hochsitz an einer Lichtung im WaldWieder aus dem Wald draußen war es Zeit, den Mantel aufzuknöpfen. Die Sonne wärmte.
Die Pferde wurden mittlerweile auch munter. Jaffar und Ibrahim kabbelten sich einfach so. Machten eine Pause, als ich auf sie zukam. Und machten dann ganz gemütlich eben doch weiter.

Pferde kabbeln sich

Ich freute mich.  Dachte darüber nach, warum wir uns unsere Tage eigentlich immer so durchplanen müssen, auch wenn sie arbeitsfrei sind? Warum muß immer noch dieses und jenes dringend erledigt werden? Warum schiebe ich das „Seele baumeln lassen“ immer nach ganz hinten? Nein, erst das Wichtigste erledigen, dann nach draußen. Wofür bleibt dann keine Zeit mehr? Genau.

Heute habe ich es richtig gemacht. Das frühe schöne Wetter genutzt. Mich daran erinnert, zu welcher Tageszeit ich am liebtsten draußen bin. Den Tagesplan nach hinten geschoben, erst einmal Luft holen. Und was war das Ergebnis? Ich ging sehr viel entspannter an die Hausarbeit. Trotz der fast eineinhalb Stunden, die ich draußen verbracht habe, habe ich fast alles geschafft, was geplant war. Abgesehen vom Lesen und durcharbeiten, aber das hätte ich auch anders nicht geschafft. Getippt wurde auch anderes, als geplant. Na und?

Ich sollte öfter daran denken: Wenn ich mir die Zeit nehme, etwas für meine innere Ausgeglichenheit zu tun, schaffe ich hinterher das, was erledigt werden muß, deutlich leichter. Auch wenn eventuell etwas liegenbleibt, bleibt am Ende des Tages ein viel zufriedeneres Gefühl zurück.
Ich sollte viel öfter sagen: „Dafür habe ich heute keine Zeit – aber ich mache es trotzdem!“

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