Denken in Tweets

Seitdem ich öfter mehr oder weniger Sinnvolles bei Twitter von mir gebe, merke ich, wie sich mein Denken ändert. In manchen Situationen, vorzugsweise welche, die meine Geduld strapazieren, fange ich an, die Gedanken als Tweet zu formulieren. Wie bekomme ich das in 140 Zeichen? Wie bringe ich es auf den Punkt? Ich feile an Wörtern, überlege, welche noch redundant sind, streiche, tausche aus… Die meisten dieser Gedanken-Tweets bleiben einfach bei mir im Kopf, nur wenige gelangen in die Öffentlichkeit.

Gerade heute Morgen war der Weg zur Arbeit ein eher mühseliger. Regen, Nebel, eklig, andere Autofahrer, die mich am Vorankommen hinderten. So gab es viele Gedanken-Tweets. Beispiele:
„Es ist ja okay, im dicken Nebel mit 45 die Landstraße langzuschnecken, aber wenn man wieder was sieht, könnte man doch…? Oder nicht?“
Ist bestimmt zu lang. Kürzungsmöglichkeiten?
„Im dicken Nebel mit 45 auf der Landstraße – okay. Aber wenn der weg ist könnte man den Fuß doch wieder von der Bremse nehmen, oder?“ Gefühlt auch nicht kürzer.
Also: „Im dicken Nebel mit 45 auf der Landstraße – okay. aber wenn man wieder was sieht, könnte man doch…? Oder nicht?“ Das könnte kurz genug sein und auch noch alles aussagen (in Wirklichkeit haben alle Möglichkeiten unter 140 Zeichen, aber das zähl ich im Kopf dann doch nicht nach).
Weiter rollen. „Ich würde gerne wieder an einem Ort wohnen, an dem keine Blinksteuer erhoben wird und ich vorher weiß wo andere langwollen“, gefolgt von „Finde die Fehler: Autobahn. Max erlaubt 60km/h. Blitzer. Fest installiert. Darf man also max 45 fahren.“ Mittlerweile habe ich knapp 20 km hinter mir, ich denke weiter in Tweets. „Grenze zum anderen Bundesland überschreiten hilft auch nicht. Es bleibt bei Bäh-Wetter.“
So, und wer hat nun meinen Arbeitsweg erkannt?

Ich mache mir beim Autofahren manchmal einen Sport daraus, Sätze auf gefühlte 140 Zeichen runter zu brechen. Damit bringe ich mich selbst davon ab, mich überflüssig aufzuregen. Irgendwie lenkt es das Gehirn um und entspannt. Ich sollte das Ganze vielleicht etwas intensiver nutzen, um mein Gehirn öfter mal in seine Schranken zu verweisen. Gedanken-Twitter als neuer Leistungssport? Als Therapie?

2 Kommentare

  1. Ich warte auf den Bild-Artikel, in dem steht: „Die Menschen von heute können keine langen Texte mehr schreiben, ab 140 Zeichen fällt ihnen nichts mehr ein…“

  2. Hallo Anja,
    Du sprichst mir aus der Seele! Ertappe mich auch immer öfter dabei, in 140 Zeichen zu denken. Faszinierend finde ich dann diejenigen, die alle ihre 140-Zeichen-Gedanken tatsächlich auch über Twitter veröffentlichen, also gefühlt jede halbe Minute…
    Weiterhin gute Fahrt & viel Spaß beim Gedanken-Twitter!
    Kristine

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