Der Rest von Hamburg: Hummelsbüttel

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See im RaakmoorHummelsbüttel – auf nur wenige Stadtteile von Hamburg trifft die Bezeichnung des Aufrufs zur Stadtteilbericherstattung von Maximilian Buddenbohm „Der Rest von Hamburg“ so gut zu wie auf diesen nördlichen Stadtteil. „Hummelsbüttel? Wo bitte ist das denn?“. Das ist ein Satz, den man selbst in Hamburg oft hört, wenn man sagt, wo man wohnt. Obwohl das ehemalige Dorf mittlerweile 17.000 Einwohner zählt. Ich selbst habe mehr als mein halbes Leben dort verbracht. Mittlerweile wohne ich allerdings schon 12 Jahre nicht mehr in Hamburg, meine Sicht mag also einen leicht historischen Touch haben. Auch wenn ich jedes Jahr immer mal für ein paar Tage meine Mutter besuche.

Also, zurück zur Frage: Wo liegt Hummelsbüttel? Der Stadtteil, der selbst im Verkehrsfunk quasi nie genannt wird? Hummelsbüttel liegt ganz im Norden im Alstertal, zwischen Fuhlsbüttel, Langenhorn, Poppenbüttel und Norderstedt. Viele Pendler fahren täglich durch Hummelsbüttel, auf ihrem Weg von oder nach Norderstedt, Segeberg u.ä. Ja, und sonst? Was bietet Hummelsbüttel? Vieles und nichts. Dieser Stadtteil besticht durch Gegensätze. Man könnte sagen, er ist ein wenig schizophren. Auf der einen Seite wohnen hier Menschen mit viel Geld, die Immobilienpreise rauben mir schlicht den Atem. Auf der anderen Seite gibt es mit Lentersweg, Hummelsbütteler Markt und Tegelsbarg (der teilweise Poppenbüttel zugerechnet wird) einige Hochhaussiedlungen des sozialen Wohnungsbaus. Alle gebaut in den 1970er Jahren. Beide Seiten sind munter gemischt. In der Ecke in der ich gewohnt habe, grenzen im neuen Teil des Grützmühlenweges und im Immenredder teure Einfamilienhäuser (gerade werden hier Eigentumswohnungen neu gebaut zum stolzen Preis von einer halben Million pro Einheit) und Reihenhäuser mit Mehrfamilienhäusern aus sozialem Wohnungsbau direkt aneinander. In meiner Kindheit kam die eine Seite eher selten mit der anderen in Kontakt. Wobei damals in die Reihenhäuser die jungen Familien zogen, während in der alten Saga-Siedlung die Kinder gerade groß wurden.

Hummelsbüttel hat einen historischen Kern, die alte Grützmühle aus dem Jahre 1841 steht heute im Museumsdorf Volksdorf. Erstmals erwähnt wurde Hummelsbüttel schon 1319 als Humelsbotle. Die Geschichte läßt sich natürlich bei Wikipedia nachlesen. Vom alten Ortskern rund um die Dorfstraße und den Grützmühlenweg sind heute noch Teile erhalten. Ein alter Bauernhof, jetzt Pferdestall, Arztpraxis und mehr, an der Susebek (Flüßchen) eine unter Denkmalschutz stehende Reetdachkate, Kopfsteinpflaster, Ruhe. Schön ist der alte Teil vom Grützmühlenweg, idyllisch. Umrahmt ist er vom Hummelsbütteler Markt mit seiner Hochhaussiedlung, auf der anderen Seite vom Gymnasium Hummelsbüttel und der Grundschule, trostlose Waschbetonbauten. Neben an der Sportplatz vom Hummelsbütteler SV, der schon mindestens einen Bundesligaspieler hervorgebracht hat (Otto Addo). Und auch der Uhlenhorster Hockey Club UHC gehört zu Hummelsbüttel.In der Umgebung des UHC befindet sich auch die exklusivste Wohngegend von Hummelsbüttel, mit diversen Villen.

Der Hummelsbütteler Markt sichert die Versorgung der Hummelsbüttler, er wurde irgendwann in den 1990er Jahren erweitert. In der Markthalle gibt es auch ein Restaurant, das aber gefühlt jedes zweite bis dritte Mal, dass ich mich in „Hubü“ auffhalte, einen neuen Besitzer und auch eine neue Geschmacksrichtung hat. Steakhaus, Grieche, zur Zeit ist es ein Mongolisches Restaurant.

Überhaupt ist das Thema Gastronomie in Hummelsbüttel ein schwieriges. Viel Auswahl gibt es da nicht, weder an Restaurants noch an Cafés, Kneipen oder Bars. Die wenigen, die es gibt, halten sich meist nicht lange. Alles, was ich hier schreiben könnte, muß morgen nicht mehr gelten, also lasse ich gleich. Auch was den Einzelhandel betrifft, ist Hummelsbüttel ständig im Wandel. Sicher ist Edeka am Hummelsbütteler Markt, genau wie die zwei Apotheken (in der Hummelsbütteler Apotheke habe ich ein paar Jahre gearbeitet), Penny ist vor ein paar Jahren umgezogen, nun ballt sich alles um den Hummelsbütteler Markt, das Zentrum.

Ein Gewerbegebiet hat Hummelsbüttel mit dem Lademannbogen auch, hier ist ein Busbahnhof,  der Recyclinghof, die Zentrale von Block House, die im Laufe der Jahre stark gewachsene Autolackiererei Jürgen Schröder, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Gegenüber am Ring 3 war jahrelang Obi, im Sommer war das plötzlich weg, hier findet man jetzt einen Hagebaumarkt. Direkt daneben auch sind auch ein Media Markt, Roller…

Letztlich liegt Hummelsbüttel auch in Nachbarschaft zum Flughafen Fuhlsbüttel, da hat man schon mal das Gefühl die Flugzeuge am Himmel anfassen zu können, wenn sie über einen hinwegfliegen. Ich bin aber auch gerne Sonntags mal spontan zum Flughafen geradelt, um mir ein Buch zu kaufen.

Hummelsbüttel ist ein familienfreundlicher Stadtteil. Viel Grün (gut, das gibt es in Hamburg fast überall), Spielplätze, Teiche zum Schlittschuhlaufen im Winter, die Alster ist auch von überall erreichbar. Rodeln kann man im Winter übrigens auch, auf dem alten Müllberg an der Grenze nach Norderstedt (schafft man den Aufstieg, hat man hier auch eine wunderbare Aussicht).

Schulen, KiTas, Spielpätze, Sportvereine, alles ist vorhanden. Nur hat dieser Stadtteil eine miserable Anbietung an die öffentlichen Verkehrsmittel. Je nachdem, an welcher Ecke man wohnt, kann man noch zu Fuß zur U-Bahn nach Fuhlsbüttel oder Langenhorn gelangen. Ansonsten fahren Busse. Alle 20 Minuten bis halbe Stunde. Und auch bei weitem nicht rund um die Uhr. Mal eben in die Innenstadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln habe ich stets zu vermeiden gewußt. Da war ich mit dem Fahrrad schneller und schöner unterwegs.

Das Hummelsbüttel meiner Kindheit gibt es bei allen Veränderungen auch heute noch. Zunächst das mir so verhaßte Gymnasium Hummelsbüttel, die Schule an der ich mich nie wohlgefühlt habe. Mein subjektives Empfinden und ich habe es ja auch schon 1989 verlassen. Den größten Teil meiner Hummelsbütteler Kindheit und Jugend habe ich im Reitstall Schiemer mit der Reitgemeinschaft am Raakmoor verbracht. Dort lernte ich Reiten, bekam irgendwann mein geliebtes Pflegepony, schließlich eine Reiteteiligung. Und ich weiß, warum ich heute sage, dass, wer den Satz: „Das Leben ist kein Ponyhof“ in die Welt gesetzt hat, keine Ahnung vom Ponyhof hat. Das Leben ist wirklich entspannt gegen einen Ponyhof voller pubertierender Mini-Zicken. Trotzdem war es überwiegend eine tolle Kindheit dort. Heuernte, Turniere, Ferien –  Spaß hatten wir. Auch heute noch können Kinder hier reiten lernen.

Einen rein privaten Reitstall gibt es in Hummelsbüttel ebenfalls früher war es der Stall für besser Verdienende: Die Reitanlage am Rehagen der Familie Bockholt. Beide Reitställe sind übrigens Nachbarn eines Tennisclubs.

Überhaupt: Reiten in Hummelsbüttel. Da gibt es noch mehrere kleine Reitställe. Alles zu dem Thema hier aufzulisten, würde diesen Rahmen sprengen. Ich denke nur immer wieder an die alte Ziegelei an der Glashütter Landstraße, direkt gegenüber von Schiemer. Als Ziegelei war sie schon lange stillgelegt, als wir nach Hummelsbüttel zogen, lebten hier Pferde. Eines Nachts brannte sie ab, die Pferde konnten zum Glück gerettet werden. Nicht der erste Pferdestall in Hummelsbüttel, der abbrannte…

im Raakmoor
Der Reitstall Schiemer grenzt an das Naturschutzgebiet Raakmoor, das ist immer für einen Ausritt gut. Oder damals auch für eine Schlittenfahrt mit den Ponies, wenn Schnee lag. Natürlich auch für Spaziergänge mit und ohne Hund, Fahrradfahren usw. Immer wenn ich bei meinen Kurzaufenthalten wenigstens eine Stunde Zeit habe, gehe ich ins Raakmoor mit seinem Wald, der gefühlt überwiegend aus Birken und Tannen besteht. Man kann bis Langenhorn oder Norderstedt laufen, in Ruhe und umgeben von der Natur. In der Mitte ist ein Teich in dem u.a. auch ein paar Seerosen wachsen. Ich genieße die Ruhe und Entspannung und denke immer ein wenig an meine Kindheit zurück. Der Schlängelweg, die Rennstrecke, die Reitwege-Schilder, alles ist auch über 20 Jahre später noch erhalten. Selbst die Pfützen sind noch an denselben Stellen…

Ich kenne auch noch eine Hummelsbütteler Legende, Pastor Meder, der mich konfirmiert hat. Er hat die evangelische Hummelsbütteler Christophorus-Gemeinde aufgebaut und über Jahrzehnte hinweg geprägt, es gab eine aktive Jugendarbeit, die sogar mich zum mitmachen bewegt hat. Ich weiß nicht, ob die Hummelsbütteler Gemeinde heute noch so lebendig ist wie damals.

Fest zu Hummelsbüttel gehört auch die Freiwillige Feuerwehr, die viel für das Ortsleben tut. Schon seit Jahrzehnten veranstaltet sie zum Beispiel auf dem Festplatz alljährlich das Osterfeuer, ein Fest mit viel mehr als „nur“ einem Osterfeuer.

Ach, es gäbe so viele Kleinigkeiten aus Hummelsbüttel zu berichten, es ist irgendwie eine komplette kleine Stadt, so vielfältig ist es in diesem Ort. Nur eben – alles eher im ruhigen Rahmen. Da ist Hummelsbüttel immer noch Dorf. Ein Partyleben findet hier nicht statt, dafür muß man schon fahren. Für die Jugendlichen glaube ich bis heute ein Problem, ich weiß nicht, ob sich an der Situation etwas gebessert hat. Wer quirliges Leben sucht, wird es in Hummelsbüttel kaum finden.

Jetzt sitz ich hier, frage mich, was ich alles vergessen habe, überlege, was den Stadteil meiner Kindheit und Jugend eigentlich ausmacht, außer dass er am Stadtrand liegt, absolut gegensätzliche Identitäten  und schöne Landschaften bietet. Und nah am Flughafen ist. Heutzutage fahre ich hin, weil meine Mutter dort lebt. Und wenn ich da bin, genieße ich die Luft, das Flachland und verdrücke mich ins Raakmoor. Mehr finde ich in Hummelsbüttel nicht mehr. Deswegen habe ich auch nur Fotos vom Raakmoor hier, ich konnte ja nicht ahnen, dass mich eines Tages jemand dazu verleitet, etwas über Hummelsbüttel zu schreiben.

Ich behalte mir vor, diesen Artikel noch zu ergänzen, wenn ich nächstes Jahr wieder meine Mutter besuche. Dann mache ich mal ein paar Fotos von Hummelsbüttel…