Die Wahl des richtigen Zeitpunktes

schneebecktes Eis im TopfDie Frage ist für mich im Moment ein ständiger Begleiter. Wann ist der richtige Zeitpunkt für etwas? Das geht bei so kleinen Alltagsdingen los, wie zum Beispiel: Kaufe ich lieber heute oder morgen ein? Da ich meinen Alltag gut organisieren muß, um die 30-Stunden-Tage in die üblichen 24 Stunden zu pressen, ist das schon wichtig, auch solche Kleinigkeiten gut zu planen.

Bei Blog-Artikeln weiß ich oft, dass es jetzt mal an der Zeit wäre, wieder was zu schreiben. So liegt hier seit Ewigkeiten „Social Media Marketing – Strategien für Facebook, Twitter und Co.“ rum und wartet auf eine Rezension. Der richtige Zeitpunkt sie zu schreiben wäre zeitlich schon lange gewesen. nur komme ich nicht dazu, das Buch richtig zu lesen. Und ich habe nun mal das Prinzip, mich erst zu etwas zu äußern, was ich auch wirklich gelesen habe. Wann ist also der richtige Zeitpunkt? Schnell veröffentlichen, mit nur überflogenem Inhalt? Oder warten, bis ich den Inhalt wirklich richtig gelesen habe?

Gestern war ein Tag, an welchem sich in einem völlig anderen Bereich eindrucksvoll darstellte, wie entscheidend manchmal der richtige Zeitpunkt sein kann. Gestern war hier im Rhein-Main-Gebiet, speziell rund un dem Taunus der erst Tag richtiger Schneefall. Man könnte es schon als Tradition bezeichnen, dass am ersten Tag mit Schnee hier in der Gegend das Verkehrschaos ausbricht. Am zweiten Tag muß nicht weniger Schnee liegen, es kann sogar mehr geworden sein, aber es geht ohne Chaos. Ja und gestern fing es Mittags an zu schneien. Ausgerechnet gestern habe ich gearbeitet. Für ortskundige Leser: Ich arbeite in Mainz und wohne in Taunusstein. Dazwischen liegt Wiesbaden. Ein Problem. Das noch größere Problem: Der Weg von Wiesbaden nach Taunusstein. Da gibt es nur zwei Wege. Einer davon mit 9% Steigung (die sog. „Platte“, die B417), der andere (die „Eiserne Hand, B 54) mit 7%. Zusätzliches Problem zur Zeit: Wegen einer Baustelle ist der Weg zwischen Taunusstein Wehen und Neuhof gesperrt. Das ist aber auch die einzige direkte Verbindung zwischen den beiden Bundesstraßen. Wird gleich noch wichtig.

Achtung – hier wird’s eine längere Geschichte. Wer die nicht lesen mag, kann einfach zu den **** springen, das ist die Abkürzung.

Ich entwickelte Plan B, wie ich eventuell eine Stunde früher von der Arbeit weg könnte. Der Teil des Plans gelang. Nützte aber wenig. Und nun endlich zum Kernpunkt: Töchterchens Vater arbeitet in Wiesbaden. Während ich 25 km je nach Verkehrsaufkommen normalerweise in 25-45 Minuten bewältige, muß er nur 12 km in ca 15-20 Minuten hinter sich bringen. Spätestens um 17 schließt der Hort, bis dahin muß das Fräulein Tochter abgeholt sein. Papa fuhr um 15 Uhr in Wiesbaden los. Reicht ja locker, sollte auch bei Schneefall langen. Denkste! Irgendwann kam der Anruf: „Ich stecke fest. Komplett. Kann nicht mehr vor und nicht mehr zurück. Ich erreiche auch von den anderen Eltern niemand.“ Ich dachte: Ruhig bleiben. Nicht schon in Panik verfallen. Es ist noch über eine Stunde Zeit, bis der Hort zu macht.

Wir erreichten keine anderen Eltern, bei denen nicht die Gefahr bestand, dass sie ebenfalls im Schnee steckten. Zum Glück schließlich aber meine Nachbarin, die auch meinen Haustürschlüssel hat. Und ja, sie hat ihre Pläne über den Haufen geworfen und war bereit, Tochter notfalls abzuholen. Das sollte sich als die Rettung herausstellen. Die Situation verschärfte sich, als die Platte, auf der Olaf feststeckte, komplett gesperrt wurde. Bis Neuhof. Damit war auch die Umleitungsstrecke der Baustelle und damit die Verbindung von der Eisernen Hand nach Neuhof, Idstein zur A3 etc. gekappt. Das wäre nur noch über andere Dörfer gegangen. Die einzige Möglichkeit, dass ich nach Hause komme, bestand in einem Riesenumweg über diverse Autobahnen, auf denen natürlich auch kaum noch was vorwärts ging. Aber es bewegte sich immerhin etwas. Gut, ich wollte losfahren, denn irgendeiner von uns mußte nach Hause, da wartete jemand. Doch eine Kollegin hielt mich davon ab. Mitten im Berufsverkehr? Im Schneechaos? Da willst du dich noch dazu stellen? Dass ihr beide feststeckt? Oder einen Unfall habt? Ist es nicht vielleicht geschickter, zu warten, dass die meisten schon unterwegs sind und lieber später loszufahren?

Da kam die Nachricht, dass Olaf zumindest den Rückweg von der Platte in Richtung Eiserne Hand antreten konnte. Rutschender Weise, bangender Weise, die Angst im Nacken, aber die Platte mußte komplett geräumt werden. Erstmal von Fahrzeugen aller Art, um dann den Schnee zu beseitigen. Eigentlich also normal. Gut, er bewegte sich. Wenn er auf der Eisernen Hand steht, besteht eine kleine Hoffnung, dass er irgendwann in Neuhof ankommt. Ich entschied mich, mich wieder auszuziehen und vorm Internet mit den Verkehrsmeldungen zu verharren. Gegen 18 Uhr, Olaf war mittlerweile seit 3 Stunden unterwegs und immer noch weit von zu Hause entfernt, entspannte sich die Lage. Die B417 wurde wieder freigegeben, die Staus hatten eine Chance sich aufzulösen. Auch auf den Autobahnen wurde es etwas fahrender.

Ich entschied mich um 18:10 Uhr nach Hause zu fahren. Die normale Strecke durch Wiesbaden, über die Platte. Eine ganze Zeit lang ging es gut, nur Olaf vermeldete, dass er jetzt in der Umleitung feststecken würde. Also nicht er, sondern die Leute mit den hochpreisigen Autos, bei denen das Geld dann grundsätzlich nicht mehr für Winterreifen langt. Damit war die Straße auch erstmal blockiert. Ich fuhr. Die Platte war geräumt. Je höher ich kam, desto dichter wurde der Nebel, schließlich kam noch leichter Regen bei -2°C dazu. Schneematschreste, die gefroren. Kurz vor der Kuppe der Platte kamen irgendwelche Idioten auf die bescheuerte Idee, jetzt doch noch die zweite Fahrspur zu benutzen. Das hieß in der Konsequenz, dass sie sich kurz hinter der Kuppe wieder einspurig einreihen müssen. Ganz klar: Damit war vorbei mit dem rollenden Verkehr. ich hoffte inständig, nicht komplett anhalten zu müssen. Mußte es aber doch. Denn vorne stockte es, aus oben genannten Gründen. Mit zitterten die Beine, ich habe da unschöne Erinnerungen an eine solche Situation. Ich hatte Glück, auch wenn ich zweimal etwas schlitterte, ich kam wieder in die Gänge (im Gegensatz zu den Herren auf der linken Spur, von denen einen schließlich liegen blieb, was ich noch im Rückspiegel sah). Unfallfrei. Ein weiteres Telefonat mit Olaf, der inzwischen wieder rollte, ungefähr ein paar hundert Meter vor mir. Da konnte man dann sogar von fahren sprechen.

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Am Ende kam Olaf nach über 4 Stunden Fahrt für 12 km nur zwei Minuten vor mir bei mir zu Hause an. Ich hatte für die doppelt so lange Strecke nur knapp eine Stunde gebraucht. Dank der Kollegin, die mich davon abhielt, schon um 16:30Uhr loszufahren, als die B417 noch gesperrt war und das große Chaos herrschte. Obwohl ich erst kurz nach 18 Uhr losgefahren war, war ich zum selben Zeitpunkt zu Hause wie Olaf, der sich schon um 15 Uhr (und das auch noch mit nur halber Streckenlänge) auf den Weg gemacht hatte. Ich finde das ein eindrucksvolles Beispiel, wie sich durch die „Wahl“ des richtigen Zeitpunktes eine ganze Menge ändern kann.

Ja, ich weiß, es gibt unzählige Beispiele à la „wenn ich nur nur eine Minute früher dagewesen wäre…“. Zur Zeit muß ich mich für den Zeitpunkt tnscheiden, an dem ich mein Zeugnis zum Abschluß meines Social Media Manager Fernlehrgangs anfordere. Ich kann es schon seit Mitte November machen, da habe ich das erste 10er Heft abgeschlossen. Der Kurs ist so konzipiert, dass er am Ende vier Schwerpunkthefte hat, die man selbst wählen kann. Selbst wählen heißt, man kann sich für nur eines entscheiden, oder aber auch zwei, drei oder alle vier Hefte machen. Bis November sah es für mich noch so aus, als müßte ich dringendst einen neuen Job finden. Weil die derzeitigen Umstände einfach nicht mehr tragbar sind und vor allem Töchterchen daran kaputt geht. Ich würde aber gerne wenigstens zwei der Hefte machen. Ich entschied mich zunächst für das Heft zum Community Management und wollte mich dann ums Fundraising kümmern.

Der erste Teil des Vorhabens klappte relativ problemlos, vor dem zweiten stoppte ich radikal. Notbremse nennt sich das. Es war nicht mehr zu bewältigen. Hier zu Hause ist im Sommer zu viel liegengeblieben, und obwohl ich um diese Jahreszeit deutlich weniger arbeite, waren die Kapazitäten für weiteres Lernen einfach nicht mehr da. Und sind es vor Ende des Jahres auch nicht wieder. Der Druck, den Kurs abschliessen zu müssen, um endlich auch diesen Umständen zu entkommen, war so groß, dass ich bis zum letzten alles andere beiseite geschoben habe.

Nun passierte aber noch etwas anderes, mit dem ich nie gerechnet hätte, und es könnte passieren, dass ich mir doch nicht schnellstmöglich einen neuen Arbeitgeber suchen muß. Dass die jetzigen Umstände andere werden. Damit stehe ich vor der unerwarteten luxuriösen Wahl: Wann fordere ich das Zeugnis an? Jetzt, damit ich es im Zweifelsfall doch direkt zur Verfügung habe? Oder lasse ich mir die Zeit, eventuell doch wenigstens noch ein Heft zu bearbeiten? Lesen kann ich es ja so oder so, aber die Note gibt es halt nur, wenn am Ende auch eine Einsendearbeit steht. Ich weiß zur Zeit nicht, wann der richtige Zeitpunkt für das Zeugnis ist. Überhaupt stehe ich aktuell vor einigen dieser wirklich entscheidenden, wichtigen Fragen nach dem richtigen Zeitpunkt. Viele können einen entscheidenden Einfluß auf meine Zukunft haben. Dennoch drücke ich mich vor der Wahl und verharre in Starre. Das mag falsch sein, aber ich traue mich nicht, den Zeitpunkt festzulegen. Gestern war es gut zu warten. Da war aber auch das Wetter und die anderen auf der Straße der Entscheidungspunkt. Für alles andere bleibt mir die Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Stellaluce

Jetzt ist definitv erstmal der richtige Zeitpunkt, um Teil 2 von Stellaluce fertig zu schreiben, das soll auf Töchterchens Geburtstagstisch liegen.

3 Kommentare

  1. Pingback: 07.12.2012 | Mediative Gedanken

  2. Hallo Anja,

    das ist ja richtig abenteuerlich bei Euch, und wieder einmal weiß ich unseren wettermäßig eher harmlosen Bremer Raum zu schätzen 🙂

    Ich drücke Dir die Daumen, dass Du bald alles geregelt bekommst.

    Viele Grüße, Stefanie

  3. Pingback: Gestern war ein nervenaufreibender TagIm Aufzug abwärts | Im Aufzug abwärts