Eine reizvolle Welt

Sonne zwischen Birken im RaakmoorIch gehöre schon mein Leben lang zu den Menschen, die andere als „zu empfindlich“ beschreiben. Empfindlich im Sinne einer im Verhältnis zur Masse übertriebenen Wahrnehmung. Meine Eltern berichten aus meiner Baby- und Kleinkindzeit, dass sie sich nicht mehr zu rühren wagten, sobald ich irgendwo schlief. Selbst bei geschlossener Tür wurde ich noch wach, wenn sie einen normalen Schritt taten. Ich erinnere mich gut, dass ich als Kind schon aufwachte, sobald meine Mutter die Türklinke von außen berührte. Außerdem jammerte ich schon immer über die Helligkeit, wenn die Sonne schien. Ohne Sonnenbrille seh ich dann fast nichts, weil es mich blendet.

Machmal nähere ich mich mit meinen Empfindungen wie ich vermute, denen der Mehrheit der Menschen in meiner Umgebung. Da kann ich für mein Empfinden ganz schön viel ab. Es gibt aber auch – besonders in den letzten Jahren – Phasen, da wird es richtig schwierig in unserer Gesellschaft unauffällig alles zu ertragen.

Dann macht mich der Havarie-CD-Player mit seinen Standby-immer-wieder-Abtast-Geräuschen rasend, wenn ich in der Sendung sitze. Oder die Laufwerks-Geräusche des PCs, den ich nicht mal brauche. Ich frage mich, welcher Kollege denn ausgerechnet jetzt in welchem Studio und warum den 20kHz-Ton ausprobieren muß.

Beim Einkaufen nervt die Bedudelungs-Musik (gut, die nervt viele), drängt sich in den Vordergrund. Ob ich wirklich etwas bei Lidl einkaufen muß, überlege ich mir zehnmal, seitdem die ihren Brotbackautomaten haben. Dieser Piepton, wenn das Brot fertig ist… Das Geräusch der Brotschneidemaschine hätte mich kürzlich fast direkt ohne Einkäufe vertrieben. Obwohl ich zwei Gänge weiter war, nagte der Wahnsinn an mir.

Ich mag meine Stille. Musik nur, wenn ich sie selber aussuche (es sei denn, es betrifft meine Arbeit ;-)). Wenn ständig das Radio im Hintergrund läuft, möchte ich den Ort nur schnellstmöglich verlassen. Muß das sein? Für mich ist das eine enorme Belastung, wenn ständig irgendwo grundlos Hintergrundgeräusche sind. Mein Kühlschrank ist anstrengend genug.

Neulich habe ich mich mal wieder überreden lassen, zu einer Geburtstagsfeier zu gehen. Mit ca. 20 Leuten. Nach 15 Minuten wollte ich nur noch fliehen. Den Lärmpegel, wenn alle durcheinanderreden, konnte ich an dem Abend, nach der Arbeit, kaum aushalten. Ich habe also am Rande gestanden und mit aller Kraft versucht, noch ein wenig durchzuhalten. Während die anderen einen sichtlich vergnügten Abend hatten, versuchte ich nur ruhig zu bleiben. Irgendwann habe ich dann doch die Flucht ergriffen und bin anschließend noch fast eine Stunde im Dunkeln durch die Kälte gelaufen. Um wieder zur Ruhe zu kommen.

Jetzt im Winter wird Autofahren zur Zerreißprobe. Besonders die Halogenscheinwerfer sind mir viel zu hell. Sie blenden mich. Ich muß immer einen Punkt auf der anderen Seite finden, um noch etwas sehen zu können. Straßen ohne Fahrbahnrandmarkierung sind dabei nicht gerade eine Erleichterung.

Baumstumpf mit BlumenDas sind nur exemplarische Beispiele, die auch nur an der Oberfläche kratzen. Manches davon kennen andere sicher auch, vielleicht nur nicht so massiv. Aber mehr Details gehören hier nicht her. Hier will ich nur andeuten, was manchmal die reizvolle Welt ausmacht. Nicht das darstellen, was es im Detail für mich und meinen Alltag heißen kann.

Im Großen und Ganzen habe ich mich daran gewöhnt. Ich lebe ja schon einige Jahrzehnte mit mir. Ich weiß, wie ich mich am wohlsten fühle und lebe auch relativ konsequent danach. Also zum Beispiel keine Feiern, die für mich ohnehin mehr Streß als Spaß bedeuten.

Außerdem muß ich mich nicht an meine Wahrnehmung gewöhnen, sondern daran, dass die wenigsten Menschen um mich herum mich verstehen. „Stell dich nicht so an“ ist wohl einer der meist gehörten Sätze meines Lebens. Mittlerweile schweige ich meistens. Ich weiß ja, dass andere das nicht so empfinden, was mich durchaus mal an die Grenze zum Wahnsinn treiben kann. Ich habe mich daran gewöhnt, der Außenseiter zu sein, weil ich Parties oder ein „gemütliches Beisammensein“ alles andere als „gemütlich“ finde und solchen Veranstaltungen möglichst fernbleibe. Und ich habe mich damit abgefunden, dass die meisten Menschen verständnislos den Kopf über mich schütteln (was da sonst noch kommt, erwähne ich gar nicht).

Ich lebe in einer Welt, die mich manchmal vollkommen überfordert. In einer Gesellschaft, die das nicht nachvollziehen kann. Die mich oft für bescheuert oder minderwertig erklärt, sobald ich mal etwas von dem äußere.

Ich selber sehe einige Vorteile darin, nicht so wenig zu fühlen wie viele Menschen um mich herum. Ich habe mir im Großen und Ganzen Strategien entwickelt, damit umzugehen. Nur manchmal, in manchen Situationen, an manchen Tagen, da würde ich doch ganz gerne mal aus dem Fenster springen, um der Reizüberflutung zu entkommen. Oder einfach nur weglaufen.

Vielleicht mag ich deswegen die Kommunikation im Internet so gerne. Auch wenn bei Twitter oder in einem Chat die Hölle los ist, habe ich meine Ruhe. Ich kann alles mitbekommen, den Überblick verliere ich nicht so leicht. Aber die Geräuschkulisse fehlt. Einer meiner Sinne wird nicht mit in Anspruch genommen. Ich mag das. Eine Form der Kommunikation, in der mir manche meiner Nachteile in der Offline-Welt zum Vorteil werden. Und andere einfach gar nicht existieren.

3 Kommentare

  1. Hallo Max,
    Ohropax würden mich aber auch rasend machen. Und so schlimm ist es dann doch nicht…
    Meine Nase hat sich bis zur Schwangerschaft sehr zurückgehalten, aber seitdem mischt sie leider munter mit. Unschön, wen ich nun so alles nicht mehr riechen kann, obwohl ich ihn mag 😉
    Gruß
    Anja

  2. Danke für diesen Beitrag, der sich wie meine eigene Biographie liest. Selten habe ich mich beim Thema Reizüberflutung in so vielem wiedergefunden, genauso im ’nicht verstanden werden‘.

    danke dafür.

    lg,felix

  3. Hallo Anja!

    Da bist du nicht alleine. Ich trage den ganzen Tag Ohropax – auch in der Wohnung. Außen nicht. Lärm macht mich ägerlich bis wütend.
    Helles Licht – starke Gerüche – die Hölle.
    Sowas nennt man HSP (Hypesensibilität) und angeblich hane das 20% der Gesellschaft.

    Grüße vom Max