Freunde! Freunde??? Definitionen in Zeiten von Facebook

Ich habe mich lange um Facebook gedrückt. Aber nun bin ich da. „Auf“ Facebook. Und plötzlich habe ich Freunde. Viele Freunde.
Gut – im Verhältnis zu vielen, vielen anderen Facebook-Mitgliedern sind das lächerlich wenige. Aber für mich sind das eindeutig zu viele. Zumindest für den Begriff „Freunde“. Im meinem normalen Offline-Leben gehe ich äußerst vorsichtig mit dem Wort „Freunde“ um. Auch im Netleben würde ich es niemals freiwillig so inflationär verwenden, wie Facebook mich dazu nötigt.

Wie viele echte Freunde habe ich eigentlich? Wenige, sehr wenige und verdammt wenige, wenn ich mal meine ganz persönliche Definition für „Freunde“ benutze. Und jetzt plötzlich bekomme ich Freundschaftsanfragen gestellt. Jede Menge für meine Verhältnisse. So viele habe ich im ganzen Leben bisher nicht bekommen. Also ohne Facebook. (Und alles weitere sollte jetzt keiner persönlich nehmen, ich meine das nämlich ganz allgemein und grundsätzlich und auch vorgedanklich theoretisch). Also stehe ich da. Gucke mir die Anfrage an und denke „Ähm ja klar, kenne ich, aber muß ich mit dem jetzt wirklich hier was tun haben? Will ich ständig über das informiert sein, was er/ sie gerade macht?“ Es gibt Leute klar, die kenne ich, oder welche, die kannte ich mal. Aber muß ich mit denen jetzt befreundet sein? Was mich am meisten stört ist dieser Begriff „Freunde“. Aufgezwungen von einem Netzwerk. Mit einer anderen Formulierung wie zum Beispiel „Kontakte“ (natürlich unbrauchbar im Facebook Jargon) würden sich mir bei Anfragen manchmal sicher weniger die Nackenhaare sträuben. „Freund“ ist für mich einfach eine Definition, die hat in einem sozialen Netzwerk nichts zu suchen. Außer, ich tagge jemanden dort freiwillig und aus Gründen mit dem Begriff.

Plötzlich stehen mir Leute grinsend gegenüber und begrüßen mich mit „Na! Freundin?“ Interessanterweise sind das eher die Leute, die diesem Begriff vielleicht sogar nahe kommen könnten. Mit den meisten verliert man natürlich nicht mal ein Wort über die Facebook Freundschaft, warum auch? Ist halt so. Auch interessant ist, dass ich mit meinen wenigen wirklichen Freunden bei Facebook bisher nicht befreundet bin. Ja, ich weiß noch nicht mal, ob sie überhaupt einen Facebook Account haben. Mit denen kommuniziere ich lieber anders. Auch wenn sie hunderte von Kilometern entfernt wohnen. Außerdem: Soll ich die Freundschaft wirklich auf Facebook Niveau abwerten?

Für mich ist das ganz klar: Meine Facebook Freundschaften stehen in keinerlei Relation zu meinen realen Freundschaften. Aber wie ist das mit der „Generation“, die „auf Facebook“ großgeworden ist, sich dort manchmal regelrecht zu Hause fühlt? Was für einen Begriff von Freundschaft haben die noch? Wissen die noch, was echte Freunde sind, oder haben sie dafür gar schon einen neuen Begriff eingeführt? Denn mit Tausenden von Facebook Freunden kann man nun mal nicht wirklich befreundet sein. Ist da nicht vielfach schon lange der Fall eingetreten, dass die virtuellen Freunde wichtiger sind, als die die nebenan wohnen? Oder noch schlimmer: Gibt es für manche Menschen Freunde vielleicht sogar nur noch virtuell? Geben die vielen Facebook Freunde nicht sogar ein gewisses Selbstwertgefühl? Was ist ein Freund noch wert? Wie unterscheiden die Facebook User eigentlich beim Wort Freunde? Unterscheiden sie überhaupt? Klar, da geht jeder anders mit um.

Und noch etwas: Im wahren Leben (von welchem Facebook bei mir bisher nur einen eher unrealen Teil einnimmt) entscheide ich personenbezogen, wem ich welche Informationen über mich preisgebe und nicht pauschal für alle Freunde einer bestimmten Gruppe. Genauso erkundige ich mich bei meinen Freunden gezielt, bzw. sie erzählen mir direkt etwas. Mittlerweile ist es bei Facebook ja schon so, dass Facebook die Nachrichten der Freunde filtert und Vorentscheidungen trifft, was für mich interessant ist. Also komplett an der Realität vorbei.

Verbindungen zwischen zwei Personen sind bei Facebook automatisch Freundschaften. Kürzlich führte ich mit jemandem ein kurzes Gespräch zu dem Thema. Es war so kurz, dass das Wort Gespräch eigentlich hoffnungslos übertrieben ist, aber letztendlich war mit einem Satz meines Gegenübers alles gesagt: „Glaubst du vielleicht der ist mein Freund???“ Alleine der Blick dabei erzählte ganze Romane und ich fühlte mich gar nicht mehr alleine mit meiner Aversion gegen den Freunde-Werte-Verfall.
Ganz nebenbei rissen wir damit das nächste Thema an, denn der Satz ging weiter: „Aber was soll ich machen, ich kann die Anfrage von dem doch nicht ablehnen!“ Ja, auch das ist oft ein Dilemma. Da bekommt man eine Freundschaftsanfrage von jemandem, bei dem man einfach nicht nein sagen kann. Oder bei dem man sich eine verdammt diplomatische Reaktion einfallen lassen muss, um sich da rauszuwinden. Was sollte ich denn machen, wenn mich ein Kollege/ Chef u.ä. bei Facebook in seinen Freundeskreis aufnehmen möchte, ich das aber aus irgendwelchen Gründen eigentlich gar nicht wollen würde? Jemand, den ich tagtäglich sehe, der das womöglich persönlich nimmt? Auch wenn ich vielleicht deutlich sage, dass das eben keine persönlichen Gründe wären? Würde er mir glauben? (Und wer hat solche Gedanken, wenn ich eine „Freundschaftsanfrage“ verschicke?).

Gut, wenigstens gibt es mittlerweile die Listenfunktion, welche ein paar Probleme der Freundeüberflutung löst. Ganz heimlich für mich selbst kann ich Personen in Listen einsortieren. Wenigstens für mich kann ich die von Facebook voreingestellte Liste „enge Freunde“ leer lassen. Oder vielleicht irgendwann mal spärlich bestücken. Ich kann mir eigene Listen erstellen. Die nur ich kenne (na gut, eigentlich kann sie jeder kennen, ich muß das entsprechend einstellen), keiner meiner sogenannten Freunde weiß, in welche Schublade ich ihn gepackt habe. Dann kann ich auch jeden Freund in meinen Neuigkeiten sperren. Ich muß mir von seinen Aktivitäten nicht mehr automatisch die Startseite verstopfen lassen, sondern kann bei Interesse einen Blick in die Liste werfen. Letztendlich ist das sogar viel ehrlicher, denn in den Listen filtert Facebook nicht die Neuigkeiten raus, die von irgendwelchen Algorithmen als für mich überflüssig angesehen werden.

Nein, ich kann mich beim besten Willen nicht mit dem „Freunde“-Begriff von Facebook anfreunden. Dafür sind mir meine Freunde viel zu viel wert. Vielleicht wird ja irgendeiner meiner Nicht-Freunde, auch einer von denen, die ich nur virtuell „kenne“ mal zu einem richtigen Freund, einem der diese Bezeichnung verdient hat (an der Stelle mal der Verweis zur Lernspielwiese und der Frage nach der digitalen Nähe). Aber das ist dann mein Geheimnis. Wenn ich bei Facebook noch eine Liste namens „Freunde“ anlege. Für die wahren Freunde im willenlosen Freundewirrwarr.

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