Gedanken zu Tod und Trauer im Internet

Jörg Eisfeld-Reschke ist ziemlich hartnäckig dabei, für die ikosom Blogparade Tod und Trauer im Internet zu „werben“. Für mich eher ein No-Go Thema. Was ich ihm auch so kundtat. In den letzten Tagen formten sich dann aber doch ein paar Gedanken dazu in meinem Kopf. Weniger zu den Leitfragen, eher allgemein zum Umgang mit dem Tod im Internet. Ich treibe mich zum Beispiel noch nicht so lange auf facebook rum, ich wurde dort noch nicht mit einem Todesfall konfrontiert. Noch dazu hat die ARD nächste Woche die Themenwoche Leben mit dem Tod, ich bin zur Zeit also an mehreren Stellen mit dem Thema konfrontiert. 2010 war für mich ein Jahr mit vielen Todesfällen in der Familie, dem engeren und weiteren Bekanntenkreis, das wirkt immer noch nach.

Mit zweien dieser Todesfälle habe ich mich auch online auseinander gesetzt. Aus ganz verschiedenen Gründen. Im ersten Fall starb kein Mensch, sondern mein Pferd, die mich fast 22 Jahre lang begleitet hat. Im Laufe dieser Jahre ist sie mehreren Menschen begegnet, mit mir von Hamburg nach Taunusstein gezogen. Ein paar dieser Menschen interessierten sich immer noch für sie. Ich war nicht in der Lage, es irgendjemandem persönlich mitzuteilen, ich hätte auch gar nicht gewußt wie. Außerdem besteht zu den meisten gar kein direkter Kontakt mehr. Dennoch sollte Bonbons Tod nicht einfach ohne Kommentar bleiben. Also verfaßte ich einen Blogpost im Familienblog. Da, wo manch alte Hamburger Bekannte sich auch mal hinverirren. Somit dient der Blog als virtuelle Trauermitteilung, der Eintrag bleibt bestehen, jeder kann ihn sich angucken.
 
Kurz darauf verstarb Majo. Im Netz unter anderem als Betreiber der Mac Essentials und IT&W (Industrial Technology & Witchcraft) bekannt. Auch im Second Life und anderen virtuellen Welten war er bekannt und beliebt. Wir waren erschrocken und betroffen über die Meldung von seinem Tod, dass der Krebs ihn doch so plötzlich besiegt hatte. Wir schrieben in den Apfelwelten einen Nachruf, Majo war für die deutsche Apple-Szene quasi eine berühmte Persönlichkeit, wir kannten ihn schon lange. Viele virtuelle Nachrufe erschienen in Blogs, von Leuten die majo kannten. Liest man diese nach, bemerkt man, wie unterschiedlich die Menschen ihn wahrgenommen hatten, wo ihr jeweiliger Focus seiner Facetten lag. Auch bei den Mac Essentials und IT&W schien die Liste der Kommentare zu der Nachricht seines Todes nicht abreissen zu wollen. Viele kannten Majo nicht persönlich, aber dennoch bot die Kommentarfunktion ihnen die Möglichkeit, ihren Gefühlen, ihrer Trauer und auch ihrem Beileid Ausdruck zu geben.
 
Für mich persönlich merke ich, dass weder Mac-Essentials noch IT&W aus meinen Bookmarks verschwunden sind, obwohl beide Domains so nicht mehr erreichbar sind. Beide Blogs sind jedoch weiter unverändert im Internet online. Jetzt mit einem ‚Archiv-‚ vor der alten Domain. Manchmal verirre ich mich immer noch dahin.
 
So bietet das Internet eine noch eher neue Form der Erinnerung. Bücher werden ja auch nicht aus dem Programm genommen, weil der Autor verstorben ist. Wenn die Möglichkeit besteht, was spricht dagegen zum Beispiel ein Blog zu erhalten? Natürlich muß das rechtzeitig mit jemandem abgeklärt werden, wer die Domain wie übernehmen kann. Das ist ja auch mit Kosten verbunden. Das gilt natürlich nicht für Facebook-Profile, die kostenlos sind. Diese sind widerum davon abhängig, dass der Betreiber die jeweiligen Plattform erhält.
 
Aber gerade in Zeiten, in denen soziale Netzwerke immer alltäglicher werden, bieten sie vielleicht auch eine gute Möglichkeit zur Trauerbewältigung. Denn wir leben auch in einer Zeit, in der man nicht mehr ein Leben lang am selben Ort wohnt, Freundschaften, Familienzusammenhalt manchmal über hunderte von Kilometern funktionieren muß. Früher gingen die Leute zum Grab des Toten, wenn sie aus unterschiedlichen Gründen das Bedürfnis dazu hatten. Dafür sind die Entfernungen heute oft viel zu groß. Ich kann nicht mal eben 500 km fahren, wenn jemand so weit weg auf einem Friedhof begraben liegt. Ich könnte aber auf sein Blog gehen, seine Profile in sozialen Netzen besuchen, wenn ich mich erinnern möchte. Da kann ich auch alleine sein, mit meinen Gedanken. oder meine Trauer mit den anderen teilen, die dort vielleicht ihre Kommentare hinterlassen haben.
So bietet das Internet auch neue Möglichkeiten, mit der Trauer umzugehen, auch dann, wenn das Leben einen rein räumlich nahezu unerreichbar getrennt hat.
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