Ich war dann mal weg

leerer Strand Banealmadena Costa am SaisonendeEine Woche Urlaub. Eine Woche raus. Vor einer Weile ganz spontan gebucht. Offline. Im Reisebüro. Fast hätte ich selbst es vergessen. Im Alltag untergegangen. Gut, dass eine Mail mit der Bemerkung „Ihr seid jetzt wahrscheinlich schon in Spanien“ mich in der Woche vorher daran erinnerte. In der Woche, in der ich kaum noch wußte, welcher Wochentag eigentlich gerade ist. Es war eindeutig zu viel los, seit den Sommerferien. Die Sommerferien, in welchen ich mich zweimal wunderbar erholt hatte, was zweimal innerhalb weniger Tage komplett vernichtet war.

Ich hatte ein Hotel mit WLAN inklusive gebucht. Für den Fall, dass ich Bedürfnis nach Onlinesein hätte. Oder nein, vor allem, um günstige Kontaktmöglichkeiten zu dem Grund meiner Urlaubsortswahl zu haben. Denn ich war an der Costa del Sol und das nicht etwa zufällig. Eine der wenigen echten guten Freundinnen meiner Schulzeit wohnt in Malaga. Irgendwann hatten wir uns dank der sozialen Netzwerke wieder gefunden. Ich habe mich ganz kurzfristig entschieden, die Herbstferien zu nutzen, um in ihre Nähe zu fliegen. Nach dreißig Jahren wenigstens einmal persönlich treffen. Ob wir uns noch etwas zu sagen haben?

Ich bin losgeflogen, ohne mich öffentlich abzumelden. Nur wenige wußten, dass ich weg war. Offline die Wichtigsten, online keiner. Ich wollte einfach mal weg. Von allem.

Die Freiheit, es mir anders zu überlegen, hatte ich mit dem WLAN-Zugang in der Hotellobby ja. Muß ich mich bei meinen Online-Bekanntschaften eigentlich abmelden? Nein, irgendwie nicht. Auf keinen Fall in der breiten Masse. Wozu sollte ich öffentlich bekanntmachen, dass mein Haus leersteht. Gut, wenn ich nicht da bin, wird das Haus von der Katze bewohnt und bewacht und die Katze wiederum hat Gesellschaft von meinem Ex-Mann. Das Haus steht also nicht mal leer. Dennoch. Ich wollte mich nicht abmelden. Irgendwie war dieser Urlaub etwas Besonderes. Irgendwie eine Reise in die Vergangenheit. Die wollte ich für mich haben. Meine Gedanken mit mir alleine ausmachen. Endlich wieder Zeit mit meiner Tochter haben. Ganz ohne Ablenkung. Wichtig war das.

Strandpromenade Benalmadena Costa

Ich hatte mir eine Twitter-Liste mit wirklich wenigen ausgewählten Leuten zusammengestellt, bei denen ich vielleicht doch auf dem Laufenden bleiben wollte. Aus persönlichen Gründen. Aber nichts, was mit Informationen zu tun hatte. Urlaub. Von allem. Im Hotel fiel mir auf, wie nötig ich das wirklich hatte. Das Zimmer mit Meerblick war ein Zimmer mit Dachblick neben der Hauptstraße. Ja, vom Balkon aus konnte man auch das Meer sehen. Eine Nacht habe ich Autos gezählt, statt zu schlafen. Am nächsten Tag bin wohl ziemlich unfreundlich geworden. Denn am übernächsten Tag hatten wir ein neues Zimmer zum Meer hin, obwohl das Hotel angeblich komplett ausgebucht war. Das war für mich auch eine neue Erfahrung. Ich war irgendwie erschrocken über mich selbst. Diese Deutlichkeit ist mir sonst in Dingen, bei denen es um mich geht, eher fremd. Zwei Tage brauchte ich, um auch nur ansatzweise zur Ruhe zu kommen.

Der WLAN Zugang in der Lobby reichte bis in unser Zimmer im 9. Stock. Das ist doch auch mal etwas Erfreuliches. So konnte ich mich gut mit meiner Freundin per Facebook Nachricht verständigen, wann wir uns wie treffen. Ja, ich konnte auch in meine Mails gucken, meine Twitter-Timeline checken usw. Die meisten Mails habe ich jedoch ungeöffnet gelassen. Nur, was eventuell wirklich zeitnah wichtig sein könnte, habe ich geöffnet. Meine Twitter-Urlaubsliste habe ich mir Abends auf dem Balkon angeguckt. Facebook nur für Nachrichten geöffnet. Google+, Zeitungen, Nachrichten… ignoriert. Dank der Zimmernachbarn im ersten Zimmer bekam ich per Tagesthemen in voller Lautstärke noch was von großer Koalition mit, aber wie das weiterging, weiß ich immer noch nicht. #Leselawine und gestern dann irgendwas mit Merkel und Handy und #NSA habe ich am Twitter-Rande mitbekommen. Wobei mich viel mehr interessiert, was hinter der Leselawine steckt, als die überhaupt nicht überraschende Erkenntnis, dass auch das Handy unserer Bundeskanzlerin abgehört wurde.

Ein paar kurze Tweets habe ich dann doch von mir gegeben. Um nicht vollkommen zu verschwinden. Warum? Keine Ahnung? Hatte ich geglaubt, jemand könnte mich vermissen? Nein, eigentlich nicht. Im Nachhinein bekam ich jetzt ein paar Reaktionen, dass sich der eine oder die andere gewundert hatte, dass ich so still war. Das Einzige, was ich Abends auf dem Balkon halbwegs interessiert verfolgt hatte, war die Apple Veranstaltung. Aus Neugier über neue iPads. Meines ist mit 16GB irgendwie zu klein für meine Tochter und mich. Aber für mehr Speicher reichte mein Geld nicht. Ich wollte wissen, ob es etwas Attraktives gibt.

Malage Hafen mit Blick auf die KathedraleLetztlich hat mich die Woche aber nur eines wirklich interessiert: Verstehe ich mich nach 30 Jahren noch mit meiner damaligen Schulfreundin? Die für mich wichtig war? Auch meine Tochter war brennend daran interessiert. Wir trafen uns zunächst im Hotel, machten einen langen Spaziergang. Gingen mit breitem Lächeln im Gesicht und einer weiteren Verabredung in Malaga auseinander. Töchterchen war vollauf begeistert.

Ich bin wieder zurück. In meinem Kopf schwirren unzählige Gedanken herum. Habe ich in der Zeit etwas vermißt? Haben mir Internet und TV gefehlt? Nein, in der Zeit nicht. Wie ist das hier zu Hause? Warum bin ich überhaupt in irgendwelchen Netzwerken dabei? Brauche ich das? Braucht mich jemand? Vermißt mich jemand? Ernsthaft? Wird irgendjemand dieser Bekanntschaften in ein paar Jahrzehnten nach mir suchen? So wie meine Schulfreundin es getan hat? Ob ich mich im Urlaub  erholt habe, wage ich zu bezweifeln. Zu sehr war ich untergegangen in den Wochen vorher. Da reicht eine Woche nicht.

Aber eines habe ich in dieser Woche gemerkt: Dank der sozialen Netzwerke habe ich in den letzten Jahren meine beiden besten Freundinnen aus der Schulzeit wieder getroffen. Und das wirklich Erstaunliche ist: Auch nach drei Jahrzehnten verstehe ich mich mit beiden noch gut. Der Kontakt ist wiederbelebt. In Malaga mußte ich mich wegen des abfahrenden Busses überstürzt von meiner Freundin verabschieden. Es geschah mit einem breiten Strahlen im Gesicht. Offline. Nur mit meiner Tochter als Zeugin. Aber ohne Online wäre es nie soweit gekommen.

 

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