Meine Heimat heißt Zuhause

MIchel, von der Alster aus gesehenIch bin gerade zurück vom Urlaub zu Hause im Norden Deutschlands. Obwohl ich da wenig Bedarf am Online-sein hatte, bekam ich über Twitter dennoch etwas von der Blogparade von Katja Wenk mit der Frage: „Was ist Eure Heimat?“ mit.

Für mich als Hamburgerin in Hessen ein Dauerthema. Schon der Begriff „Heimat“ illustriert sehr deutlich, was ich in Hessen (wo ich wohne) und Rheinland-Pfalz (wo ich arbeite) nicht bin: Daheim. Aber eine Heimat habe ich auch nicht. Wie im ersten Satz geschrieben: Für mich heißt das „da bin ich zu Hause“ oder „Das ist mein Zuhause“.

Der Slogan des Radiosenders für den ich arbeite, führt es mir täglich vor Augen: „Da sind wir daheim“ – Ich bin genau das nicht. Daheim. Heimat. Das waren für mich 30 Jahre meines Lebens vollkommen fremde Worte. Ja, ich hatte sie mal gehört, es gab ja früher auch schon regionsübergreifende Medienformen. Aber für „uns in Hamburg“ gab es diese Begriffe nicht. Kein Mensch in meinem Umfeld hat sie jemals gebraucht. Denn wir waren in Hamburg einfach „zu Hause“.

Das bin ich auch heute noch: Zu Hause. In Hamburg und seinem Umland. Diese Vokabeln mit dem Wortteil „heim“ kenne ich nur in einem Begriff: Heimweh. Und ja. Das habe ich. Ganz gewaltig sogar.

Möwe blickt aufs Meer

Heimweh. Nach meinem Zuhause. Der Gegend, in der die Luft frisch ist, das Land flach, die Menschen freundlich, in der eine Sprache gesprochen wird, die ich verstehe. Wo es an jeder Ecke wenigstens einen Teich oder einen Bach gibt. Nahezu überall wenigstens einen kleinen Park in fußläufiger Nähe.

Je länger ich fast 600 Kilometer von zu Hause entfernt wohne, umso mehr will ich zurück (was derzeit aus diversen Gründen nicht geht). Ich vermisse die Mentalität der Menschen, die Gegend, die Möglichkeit, mal schnell ans Meer zu fahren.

Immer, wenn ich ein paar Tage zu Hause war, fällt es mir besonders auf, wie grundverschieden die Welten doch sind. Ja, natürlich kenne ich hier jede Menge nette Menschen, mit denen ich wirklich gerne zusammen bin. Gerade, wenn ich sie etwas näher kenne. Aber: Es hat ungelogen Jahre gedauert, bis ich begriffen hatte, dass das hier übliche „Anblaffen“ statt normalem Redens für die Menschen der stinknormale Umgangston ist (und gar nicht mal unfreundlich gemeint ist). Lächeln? Womöglich noch, wenn man als Kunde die Frechheit besitzt etwas einkaufen zu wollen? Es läßt sich schwer beschreiben, aber jeder Hamburger der es erlebt hat, hat mir bisher lauthals zugestimmt. Die Umgangsformen hier wirken für das, was ich kenne, grundsätzlich erstmal unfreundlich. Eine Mentalität, mit der ich auch nach Jahren nicht klar komme.

Sicher sage ich auch hier im Alltagsgebrauch „Ich fahre nach Hause“, wenn ich das Haus meine, in welchem ich zur Zeit wohne. Innerlich ist das aber ein riesiger Unterschied zu dem zweiten Sinn des Begriffes, den ich dann meist auch eher als ein Wort schreibe: Zuhause. Auf die Frage, wohin ich denn im Urlaub fahre, zu antworten „nach Hause!“ fühlt sich ganz anders an, als diese Worte im Alltag nach Feierabend zu sagen.

RaakmoorZuhause ist für mich nicht ein Haus, ganz im Gegenteil. Zuhause ist auch nicht Hummelsbüttel, wo ich ich viele Jahre meines Lebens verbracht habe. Den Ortsteil mag ich bis heute nicht sonderlich gerne (Ausnahme: das Raakmoor). Zuhause ist die Gegend. Auch das Lebensgefühl. Die Sprache. Die Luft, die Menschen. Seitdem ich nicht mehr in Hamburg wohne, ist der Begriff Zuhause für mich viel intensiver geworden. Wenn ich jetzt zurück könnte, wüßte ich nicht direkt, in welche Ecke von Hamburg oder seinem Umland ich ziehen würde. Hauptsache nach Hause. In eine Gegend, in welcher ich mich wohl fühle, atmen kann.

Mein Vater ist mittlerweile nach Bad Segeberg gezogen. Für meinen Geschmack zu weit weg von Hamburg. Aber obwohl ich zu Segeberg keinen weiteren Bezug habe, bin ich da mehr zu Hause als hier in Taunusstein. So stand ich am Samstag auf dem Bad Segeberger Markt und lauschte einfach den Gesprächen und lächelte vor mich hin. Keine Ahnung, was der Inhalt der Unterhaltungen war, ob es um mehr als Obst und Gemüse ging. Es war einfach eine Wohltat für meine Seele, die Sprache zu hören. Obwohl ich keine Menschenmengen mag, obwohl ich früher wirklich selten in der Hamburger Innenstadt war, gehe ich jetzt fast jedesmal dort bummeln. Der Menschen wegen. Der Umgangsformen, der Sprache wegen. Kaum bin ich zu Hause, verfalle auch ich sprachlich extrem in einen Slang, den ich früher, als ich da noch gewohnt habe, niemals so stark gesprochen habe. Zurück am Wohnort und Arbeitsplatz spreche ich eine ganze Weile weiter so, ein eher instinktives inneres Festhalten an Zuhause.

In Hamburg kann ich Fahrrad fahren, hier im Untertaunus ist das für mich nahezu unmöglich. Alle Welt schimpft auf das Hamburger Wetter. Aber ich habe es gerade wieder erlebt: Während es im Rhein-Main-Gebiet ab ca. 22°C aufwärts einfach nur noch eklig warm ist, jede Bewegung zu viel wird, ist es in Hamburg auch bei 30°C noch sehr angenehm. Da bekomme ich noch Luft und bin gerne draußen.

Zuhause ist für mich auch ein bestimmtes Gefühl. Es setzt jedes Mal ein, wenn ich auf der Autobahn an den Schildern mit der Aufschrift „Freie und Hansestadt Hamburg“ vorbeifahre. Ein befreites Lächeln schleicht sich in mein Gesicht, ich atme tief durch, fühle mich viel freier. Ich merke, hier gehöre ich hin. Ich weiß, wenn ich aus dem Auto aussteige ist die Luft eine ganz andere, als die im Rhein-Main-Gebiet. Auch wenn ich außer meinen Eltern und meinem besten Freund eigentlich keine sozialen Bindungen mehr habe,das Gefühl zu Hause zu sein, sitzt ganz tief.

Als ich frisch mit den Begriffen Heimat und Daheim konfrontiert wurde, dachte ich noch, damit könnte ich eines Tages vielleicht zwischen Hamburg und meinem neuen Wohnort unterscheiden. Zu Hause in Hamburg ist mein Zuhause und auch wenn Taunusstein nie meine Heimat werden könnte, so könnte ich da vielleicht irgendwann wenigstens daheim sein. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass es das niemals wird. Ich beneide ein wenig die Menschen, die sich auch fern der Heimat (ach, da benutze ich es doch…) wohl fühlen können, einfach, weil sie mit Menschen zusammen sind, die ihnen so etwas wie Heimat vermitteln. Auch wenn ich hier mittlerweile mehr Bekannte als zu Hause in Hamburg habe, wird diese Gegend für mich nicht zur Heimat. Nicht mal zu einem Ersatz-Zuhause. Vielleicht sträube ich mich gerade deswegen innerlich so gegen den Begriff „Heimat“, weil er für mich eher für das Fremde steht. Auch wenn er eigentlich nichts anderes meint, als das mir bekannte Zuhause.

Das letzte Lied, welches ich bei meinem Vater im Radio hörte, war passenderweise Santiano mit „Hoch im Norden“. Auch die singen nichts von Heimat, sondern „da sind wir zu Haus“.

Hamburg ist bis heute mein Zuhause. Nicht meine Heimat. Ein Wort, welches mir genau wie „daheim“ eben nur zeigt, dass ich da, wo ich zur Zeit lebe, fremd bin. Auch nach 13 Jahren noch.

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