Nachtfahrt

Wieder mal Spätdienst. Bis kurz nach Mitternacht. Den ganzen Tag über immer wieder Schnee. Auf der Fahrt zur Arbeit hat ein paar Meter vor mir jemand schon mächtig Respekt vor den 9% Gefälle. Obwohl nur eine dünne Schneeschicht auf der Straße herumweht. Er fährt 30. Nun ja. Weit und breit kein Räumfahrzeug. Wär aber vielleicht auch noch übertrieben.

Im Laufe des Abends zunächst die telefonische Meldung, es hätte zu Hause aufgehört zu schneien. Dann meldet @ol_sen bei Twitter Bedenken an. Weil es immer noch schneien würde und nichts geräumt würde.
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Mir wird mulmig. Ich habe definitv diesen Winter genug nervenaufreibende Fahrten mitten in der Nacht oder auch zu helleren Tageszeiten hinter mir. Mein Nervenkostüm ist in dieser Hinsicht etwas angespannt.

Ich öffne die Verkehrsmeldungen von Tomtom.de. Fünf vor 12 wird die entscheidende Straße nach Hause dort plötzlich grau. Gesperrt? Doch soviel Schnee? Nahezu zeitgleich leuchtet unser Verkehrsmonitor gelb auf. Warnmeldung. Auf der B417 zwischen Nordfriedhof und Taunusstein Wehen seien Wildschweine auf der Fahrbahn. Nein! Ich will keine Wildschweine jagen, sondern nur nach Hause.

Gut, die Wahrscheinlichkeit, dass die Wildschweine innerhalb von ca. einer halben Stunde die Straße räumen, ist größer, als die, dass eine wegen Schnee gesperrte Straße mitten in der Nacht geräumt wird.

0:05 Uhr. Feierabend. Ich ziehe die dicken Schneestiefel an. Schon damit meine Füße nicht abfrieren. Ins Auto. Aus Erfahrungs- und Erlebnis-Gründen bin ich ein wenig angespannt. Die Wildschweine sind bestimmt weg, oder? Aber wie ist die Schneelage? Alles gut, bis zur B417. Da taucht plötzlich die neue Frage auf, ob das Wasser da auf der Straße bei -5,4°C wohl wirklich dank des gestreuten Salzes nur Wasser ist?

Ich würde während der Fahrt gerne mal einen richtigen Blick an den Straßenrand werfen, ob da Spuren der Wildschweine zu sehen sind. Um wenigstens die aus dem Kopf zu verbannen. Der angegebene Aufenthaltsbereich umfaßt ein paar Kilometer. Aber dazu ist es zu dunkel, der zusätzliche Straßenbelag zu undurchsichtig und dieses weiße Gewusel vom Himmel nervt auch.

Ich schaffe die 9% Steigung, mir sind weder Mensch noch Schwein begegnet, als kurz vor dem Höhepunkt auf 520 m Höhe Rücklichter vor mir auftauchen. Von einem doch eher langsam fahrenden Auto. Vorbei geht es an dem da nicht mehr. Also gemütlich nach der Kuppe wieder runterrollen.
Gut, hier ist es wirklich etwas rutschig. Der nächste Hügel, plötzlich kommen mir ein paar Autos und sogar ein Räumfahrzeug entgegen. Sch… Job, denke ich so, während ich weiterrolle. Dann muß ich von der B417 runter und zack! Da ist sie, die geschlossene Schneedecke. In der Kurve fängt sie an. Aber es geht. Ist gut festgefahren.

Dennoch: Meine Anspannung steigt. Würde ich auch die letzten beiden Straßen, die nicht so stark frequentiert sind, schaffen? Kurve eins geht, aber hier ist es schon schwieriger zu fahren. Ich überlege, das Auto irgendwo unten abzustellen. Aber wie immer: Keine Lücke in Sicht. Also Risiko und auf den Schneegang des Autos vertrauen. Der hat mich fast immer hochgebracht. Die entscheidende scharfe Kurve. Täglich sehe ich mehrere Autos am folgenden Stück scheitern. Ich bin nicht überzeugt von dem, was ich da versuche. Doch es gelingt. Mein Auto kämpft sich durch den Schnee. Bis – ja, bis ich zur Garage einschwenke. Da drehen die Reifen durch. Mist. Ich stehe halb quer, zurückrollen wird da auch eher nichts mehr.

Ich habe ein schlechtes Gewissen. Wenn ich da jetzt Radau mache, wecke ich bestimmt den Besuch, der direkt neben der Garage im Gästezimmer schläft. Aber ich habe eigentlich keine Wahl. Mein Auto strengt sich an, es schlingert etwas vorwärts. Ich hoffe, nicht gegen die Wand zu rutschen. Alles geht gut. Das Auto ist von der Gasse. Und das letzte Anfahren, um es sicher in seine Garage zu befördern, ist dann wieder gar kein Problem mehr. Nur ein halber Meter von 24 km, der hat mich kurzfristig Nerven gekostet.

Ich schleiche mich ins Haus, zittere ein wenig. Denke, ja, das damals, Ende 2009, das hat nachhaltig Spuren hinterlassen. Die Anspannung fährt immer noch mit. Obwohl ich auch damals, zur gleichen Feierabendzeit, heil zu Hause ankam. Nur die Fahrt selbst hat etwas länger gedauert. Aber das ist eine andere Geschichte, die erst am folgenden Tag ihre Tragweite offenbarte. Mich aber bis heute prägt.
Im Haus ist alles still. Ich wundere mich, nachdem ich da draußen so einen Krach gemacht habe. Nun gut. Die geforderte Meldung, dass ich angekommen bin twittern, noch ein bißchen Geplänkel und den Tag beenden. Jetzt. Mit diesem Blogeintrag. Aus Gründen.

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