Novemberspaziergang mit Herzklopfen

Tagelang war es draußen typisch November: trüb. Kein Sonnenlicht drang durch die dicke, graue Wolkendecke. Ich verbrachte das Wochenende dann auch passend bei der Arbeit, mit kleinem Fenster und entsprechendem Kunstlicht. Ohne Frischluft, wie trüb sie auch sein mochte. Bedrückend. Deprimierend. Ich dümpelte vor mich hin, machte mir Gedanken über meine neue Wetterabhängigkeit.

Bis heute Morgen dann:

Sonnenaufgang im NovemberSonne, eindeutig Sonne. Töchterchen ging zur Schule, draußen wurde es heller und mit mir geschah etwas. Ich war deutlich lebendiger, als die letzten Tage. Das schöne Wetter zog mich nach draußen. Ich konnte nicht im Haus bleiben. Der Tagesplan mußte auf mich warten. Ich brauchte Luft. Nach gefühlten Ewigkeiten wieder nach draußen.

Der Fotoapparat muß mit. Mal sehen, ob es mir gelingt, die Ruhe zu sammeln, um das eine oder andere brauchbare Bild einzufangen. Eingefangen habe ich, brauchbar – nun ja. Ich muß einkaufen, meine Wegwahl fällt damit auf ein mir nicht so bekanntes Waldgebiet.

Ich will nicht nur frische Luft, ich will auch andere Bäume sehen, als die vertrauten. Abenteuer. Unbekanntes entdecken. Ich steige aus dem Auto, es ist kalt. Natürlich, wir haben Ende November. Das merken auch die Blätter, die nun in Pfützen aus Eis gefangen sind.

02-eingefrorenes-Blatt

03-eingefrorenes-Blatt

Auch die Bank ist noch bedeckt mit Reif. Lädt nicht zum Verweilen ein.

Bank am Sportplatz Maisel

Ich gehe in Richtung Wald. Alleine, nur mit meiner Kamera und meinen Gedanken. In unbekanntem Gebiet. Ich, die ich beim Geradeauslaufen die Richtung verlieren kann. Ich entscheide mich auch nicht für den ausgeschilderten Weg. Ich will ja auch niemandem begegnen.

Waldbeginn am MaiselEs ist windstill. Dennoch fallen die vertrockneten Blätter laut raschelnd von ihren Ästen. Ihre Zeit ist vorbei. Sie sammeln sich auf dem Boden. Rascheln mit ihren dort liegenden, angefrorenen Artgenossen unter meinen Füßen. Bedecken den Weg, ebenso wie den Waldboden. Zusammen mit ein paar Tannenzweigen.

07-TannenzweigeIch streiche durch den Wald, blicke mich um, lausche. Entdecke. Krummes und verdrehtes.

krummer AstSehe zu den vielen Baumstämmen. Blicke durch. Drehe mich um. Wie anders es gegen das durchdringende Sonnenlicht aussieht. Wenn die Strahlen blenden. Das Auge und die Kameralinse.

Viele Bäume Viele Bäume

Ich bin ruhig. Kein Vogel ist heute zu hören. Nur ich. Und das Rauschen der Autos auf der nächsten Straße. Von welcher ich mich immer mehr entferne. Ich bin ruhig, konzentriert auf meine Umgebung. Wie gut das tut. Ein paar Farben hat der Wald noch zu bieten. Unterstützt vom Sonnenlicht.

Wald mit NovemberrestfarbenHier drinnen ist es etwas wärmer. Kein Rauhreif auf den Blättern, stattdessen Tautropfen. Ich merke, dass ich mit einer Brille, die beschlägt, wenn ich durch den Sucher gucke, ganz schlecht sehe, was ich fokussiere…

Taustropfen auf vertrocknetem Blatt.Ich gelange auf einen Hauptweg. Wem dieser getarnte Thron wohl gehört? Welches Waldvolk wohnt hier?

Wem gehört der Baumthron?Schließlich muß ich mich entscheiden. Umkehren? Oder einen unauffälligen Weg nehmen, in der Hoffnung, dass er in die richtige Richtung führt? Mein Orientierungssinn sagt, ich laufe im Rechteck, klar geht es hier zurück. Ich schlage den Weg ein. Und erahne Hindernisse. Umkehren? Nein. Ich mag nicht umkehren. Nie. Ob es einen Weg daran vorbei gibt? In das geheimnisvolle Weiße?

Umgekippte Tanne versperrt den Weg.

15-Bruchstelle-TanneAuf der Abbruchseite nicht. Aber auf der anderen kann ich durch die Zweige klettern. Dahinter ein ganz anderes Bild, als noch zuvor im halbwegs dichten Wald.

viele BaumstümpfeHier ist es der Landschaft kalt. Eiskalt. Keine schützenden Bäume spenden etwas Wärme.

16-kaltes-Gras 18-Bruch 19-PilzeIch gehe weiter. Mich befällt eine leichte Unruhe. Der Weg ist schwierig zu gehen. Ist es überhaupt noch ein Weg? Ja, aber außer mir war hier wohl länger niemand mehr. Ich stolpere, der Untergrund ist halb gefroren, halb matschig.
Da verändert sich der Weg vor mir.

Wer hat den Boden hier aufgewühlt?Wer hier wohl den Boden zu umgepflügt hat? Ich denke an eine Rotte Wildschweine. Mir wird bewußt, wie einsam ich hier bin. Das, was ich so wollte, wird mir plötzlich unheimlich. Vorne sehe ich den nächsten Baumstamm quer über dem Weg liegen. Diese Stille, die ich so liebe, plötzlich ist sie unheimlich. Da höre ich ein lautes Rascheln.

Es dauet nur eine Sekunde, bis ich erkenne, dass es nur ein großes Blatt war, das von einem Ast zum anderen fiel. Dennoch – jetzt wollte ich lieber schnell weiter. Oder doch umkehren? Wer weiß, ob ich über den nächsten Stamm rüberkomme. Oder drumherum? Aber zurück ist es noch länger. Ich gehe schneller. Stehe vor dem Stamm. Hier gibt es nur einen Weg: darüber.

21-Baum-im-WegIch klettere, besorgt um meinen Mantel. Hüpfe auf der anderen Seite wieder runter. Alles heil geblieben. Der Mantel und ich. Ich gehe zügig weiter. Drehe mich um. Blicke zurück auf den Weg, den ich gekommen war. Sieht ganz harmlos aus.

22-BLick-zurückPlötzlich schrecke ich zusammen. Da kläfft ein Hund. Lauthals, unaufhörlich. Der bellt mich an, springt herum, kommt aber nicht näher. Kein Mensch in Sicht.

kläffender HundWas soll ich tun? So viel Hundeerfahrung habe ich nicht. Ich bleibe stehen. Schließlich höre ich eine Frau rufen. Sie ruft und ruft, hat eine Hundepfeife. Den Hund interessiert das aber nicht. Sie holt ihn aber auch nicht weg. Ich sehe ihre rote Jacke. Mein Kopf arbeitet. Hinter dem Hund ist ein Zaun, ich bin also auf dem richtigen Weg. Dem Weg zurück zum Sportplatz und Gewerbegebiet. Der Hund kläfft, springt herum, seine Besitzerin ruft und macht nichts weiter.
Ich beschliesse, mich weiter vor zu wagen. Der Hund kläfft weiter, die Frau ruft weiter. Nur ich verändere mein Verhalten. Mit klopfendem Herzen gehe ich ruhig weiter. Weiß ich, ob der Hund immer so einen Aufstand macht? Weiß ich, ob er an der Stelle bleibt, oder ob er auf mich losgeht, wenn ich mich ihm nähere? Oder ob er mich womöglich sogar nur freudig begrüßt? Nein, ich weiß es nicht, ich kenne ihn nicht. Da reagiert er endlich auf die Rufe, wendet sich kurz ab, ist unentschlossen. Kommt zurück, kläfft weiter. Die Frau greift weiterhin nicht ein. Ruft und bläst die Hundepfeife. Warum geht sie nicht näher an den Hund heran? Das irritiert mich viel mehr, als der Hund selbst. Ich zögere. Da endlich entschließt sich der Hund, der übrigens eine Hündin ist und Nina heißt, wie ich aus den Rufen der Frau erfahre, sich abzuwenden und zu seinem Frauchen zu stürmen. In der ganzen Zeit hat es mir im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlagen. Ich hätte der Frau gerne etwas zugerufen, dass sie doch bitte mal ihren Hund holen soll. Aber das kommt nicht bis zu meinem Mund durch. Mein Gehirn ist zu sehr mit Denken beschäftigt.

Ich gehe weiter und stehe vor dem nächsten Problem. Es geht nicht weiter. Ich erahne einen Trampelpfad. Der schlängelt sich in Zaunnähe lang. Hoppla, hier gibt es sowas wie einen Bach?

25-BachIch laufe weiter, jetzt wieder ruhig. Kurz darauf sehe ich den richtigen Weg. Den, den ich gekommen war, auf meinen Weg in den Wald. Hat mein Orientierungssinn mich ausnahmsweise mal nicht in die Irre geführt. Es endet, wie es begann: Mit vertrockneten Blättern, die laut raschelnd von ihren Ästen fallen.

26-der-Weg

Es ist wärmer geworden. Draußen vor dem Wald. Die Bank ist jetzt naß, der Rauhreif ist getaut.

Bank mit getautem Rauhreif

Sie lädt immer noch nicht zum Verweilen ein. Aber ich bin jetzt in Gedanken auch schon wieder im Alltag. Beim Einkauf. Mit Verlassen des Waldes kehre ich zurück zu dem, was ich noch alles erledigen muß am heutigen Tag. Die Blätter sind noch in ihren Eisbetten gefangen. Warten auf mehr Sonne. Ich blicke auf meine Stiefel. Sie sind sauber. Fast. Dann kann ich ja ohne Umwege zum Tagesplan zurückkehren.

fast saubere Schuhe.

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