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Perfekt, perfekter, einfach okay

Ich bin ein Mensch, dem das, was er tut, nur selten gut genug ist. Beispiel: Ich zeichne und sehe x Fehler. Andere Menschen gucken sich das Bild an und sagen: „Toll.“ Folge: Diskussionen, ich kann ja begründen, was mir nicht gefällt. Dennoch bleiben die anderen dabei, das Bild ist klasse. Ich kann dann noch damit kommen, dass ich das nie richtig gelernt habe und versuchen mir selbst gegenüber toleranter zu werden. Gelingt aber nicht. Ich neige zur Perfektion. 

Meine Vitaminschnitzer (s. Familienblog), auch so ein Thema. Da sind sogar manche bei, die ich gelungen finde. Wenn ich Zeit habe, oder vielmehr, Zeit hatte, habe ich angefangen Obst und Gemüse zu Bildern zu „schnitzen“. Erhöht den Reiz bei Kindern ungemein, wird viel besser gegessen, als einfach so hingestellte Vitaminstücke. 

Tennenbaum aus Gurke, Kohlrabe und Granatapfelkernen

Mein Alltag ist es, mich dafür zu rechtfertigen, dass ich das nicht so toll finde, was ich da mache. Nicht so toll wie Freunde und Bekannte, die sich das angucken. Ich versuche es dann, es von außen zu betrachten, aber auch das hilft nicht sonderlich. Früher, damals, manch einer kennt das vielleicht noch, in der Welt vor Instagram, Pinterest und Co., da war das eine rein „private“ Wahrnehmung. Aber jetzt, in der Zeit der millionenfach dargestellten perfekten Bilderwelt – das ist grausam, die eigenen Unzulänglichkeiten daneben zu sehen. Wie lächerlich sind da meine Vitaminschnitzer, gegen das, was manch andere online präsentieren!

Aktuell kam das Thema bei der Geburtstagstorte für Töcherchen auf den Tisch. Die Torte und die Form sind vorgegeben, das muss jedes Jahr die gleiche sein. Dieses Jahr wollte ich eine Klettertorte machen. Oder Mountainbike. Ideen hatte ich genug, und man kann dann ja auch noch jede Menge finden. Perfekte Torten. Und ich? Machte meine ersten Versuche mit Fondant. Mein Ex-Mann überschlug sich fast, so klasse fand er das, was ich ihm abends an Bildern schickte. Ich fand – und finde – es naja, okay. Für die ersten Versuche. Lächerlich gegen das, was die Internet-Bildersuche so ausspuckt. 

Geburtstagstorte mit Fondant-Kletterin

Diese so perfekte Welt, besonders bei Instagram. Ein Foto besser inszeniert als das andere. Alles wunderschön, tolle Farben, einfach perfekt. Likes sind die Währung für das Selbstwertgefühl vieler. Dann komme ich, die Perfektionistin, die ihr Leben lang Diskussionen darüber geführt hat, dass sie nicht immer so hohe Ansprüche an sich stellen soll. Gucke mir diese tollen Bilder an, sehe meine „Werke“ daneben, die teilweise regelrecht dilettantisch dagegen sind. Und plötzlich sehe ich das, was ich mache, mit anderen Augen. Diese so stylische Welt schafft das, woran mein gesamtes Umfeld vorher gescheitert ist: Ich entwickle Toleranz mit mir selbst.

Nein, meine Zeichnungen sind nicht perfekt, die sind teilweise nicht mal wirklich gut, meine Vitaminschnitzer sind nicht perfekt, meine Torten nicht, nichts von dem, was ich mache ist so perfekt, wie das, was die Menschen tun, die tausende von Likes für ihre Werke bekommen. Das zu wissen macht etwas mit mir. Das was ich mache, ist nicht perfekt. Aber es ist echt. Ich gebe mein bestes dafür, ich übe, aber ich sehe auch, dass ich etwas nicht mache: Mein Leben dafür hergeben, es perfekt zu inszenieren. Das, was uns da in den sozialen Netzwerken vorgeführt wird, das, was sich so verbreitet, das sind Werke von Leuten, die da das x-fache an Zeit investieren. Die vielleicht schon 100 Torten vorher gemacht haben, die kein bißchen besser aussahen, als meine jetzt. Ich backe genau zwei Torten im Jahr. Meine Vitaminschnitzer mache ich, wenn ich gerade mal Zeit und Laune dafür habe. Das ist sehr selten geworden, vor allem mit der Zeit. Dieser Perfektionismus, diese Welt in der alles darum geht, Herzchen zu bekommen, um sich vielleicht gut oder anerkannt zu fühlen, die führt bei mir zu einer instinktiven Gegenwehr. Ich bin kein Profi. Ich habe das alles nicht gelernt und ich mache auch noch andere Dinge in meinem Leben. Habe einen Beruf, ein Kind, einen Haushalt. Ich sehe mich manchmal wie im Comic abbremsen, wenn die Timeline mal wieder überquillt mit perfekten Bildern. Die ich schön finde, ohne Frage. Aber muss denn immer alles so inszeniert sein? Ich habe zu Hause keine Ecke, in der ich Fotos ausleuchten kann, ich kann und will keine gefühlten Ewigkeiten dafür investieren, damit ich den perfekten Ausschnitt bei perfekter Beleuchtung erwische. Was nicht heißt, dass ich an manchen Dingen nicht arbeite und schon gar nicht, dass mich das nicht oftmals ärgert, dass ich es nicht so hinbekomme, wie ich es gerne hätte. Ganz im Gegenteil. Oft führt es auch zu Frust. Ich bin eben ich und der Hand zum Perfektionismus ist ein Teil von mir.

Dennoch führen diese so schönen, perfekten Bilder im Netz bei mir zu mehr Toleranz mir selbst gegenüber, denn: Das, was ich mache ist nicht perfekt. Genau. Ich selbst bin es ohnehin nicht. Ich will es auch nicht sein. Ich will nicht perfekt sein, ich will ich sein. Das was ich mache ist fehlerhaft. Manchmal nicht mal schön. Finde ich. Aber das hindert andere nicht daran, es schön zu finden. Trotz aller Ecken und Kanten und Fehler, die ich daran sehe. Oh ja, was das Zeichnen und malen betrifft, da muss ich dringend etwas verbessern, das brauche ich für etwas anderes, was ich seit langem vorbereite, was nur aufgrund gesundheitlicher Probleme auf sich warten läßt. Dafür sollte es unbedingt noch besser werden. Sollte ich besser werden. 

Die letzten Jahre habe ich durch Kindergeburtstage noch etwas begriffen: Ich investiere Stunden in die Vorbereitung, das Drumherum soll auch so schön und eben perfekt wie nur möglich sein. Was es natürlich nicht wird, nicht in meinen Augen. Dann kommen die Kinder, sehen das, wo ich so viel dran auszusetzen habe. Und sind begeistert. Alle Jahre wieder. Das, was ich von mir durch meine Augen als misslungen ansehe, ist in den Augen derer, für die es gemacht wurde oftmals wunderschön. 

Oben genannte Torte landete dann übrigens doch bei Twitter. Obwohl sie nicht perfekt ist. Wie so vieles, was ich in letzter Zeit da, oder seit neuestem auch bei Instagram poste. Denn ich gestehe mir zu, dass es nicht perfekt ist. Ich lerne, auszuhalten, das auch anderen zu zeigen. Es sichtbar zu machen, neben all dem Perfekten, was andere da präsentieren. Das Echte, mit Ecken und Kanten zwischen all dem Glatten, Glänzenden. Ich kann mich mit meinem eigenen Perfektionismus von dem, was ich bei Instagram, Pinterest und Co. sehe, noch mehr unter Druck setzen lassen. Oder ich kann sagen: Es ist okay. Es ist das, was ich kann. Es ist selbstgemacht. Und das ist gut. 

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