Tweets, die Angst machen – Handeln oder nicht?

Vorwort: Ich schreibe jetzt etwas einfach von der Seele. Mit allen Kreuz- und Quer-Gedanken, die dabei so zustande kommen. Die Ereignisse bringen mich aber gerade zu einem grundsätzlichen Nachdenken über Twitter, Frust, Depressionen und – ja – Menschlichkeit. Über die Frage nach Handeln oder Abwarten. Darüber, wie man eine rein schriftliche Situation realistisch einschätzen kann. 

Neulich bei Twitter. Ich klappe das MacBook auf, eigentlich nur, um es auszuschalten. Tweetdeck ist geöffnet. Beim Runterklappen des Bildschirms fällt mir ein Tweet ins Auge. Ein Tweet, der mich alarmiert. Trotz Grippematschbirne bin ich schlagartig voll da. Aus vielleicht nachvollziehbaren Gründen möchte ich hier keine konkreten Inhalte wiedergeben. Es stand da sinngemäß etwas von „Gott schütze XXX“ Hä? Ich kenne den Menschen der diesen Tweet abgeschickt hat, nur durch Twitter, weiß aber, dass da in letzter Zeit einiges frustrierendes und deprimierendes abgelaufen ist. Und diese Formulierung erscheint mir in Bezug auf die Person sehr merkwürdig. Ich gucke also genauer nach, in vorigen Tweets. Das klingt alles nicht so lustig. Wenn ich dann einen Tweet sehe, der etwas mit der Frage zu tun hat, warum man noch leben soll, klingeln wirklich die Alarmglocken bei mir.

Wie gesagt: Ich kenne diesen Menschen nur durch seine Tweets. Traue mir eine genaue Einschätzung der Situation nicht wirklich zu. Hole jemanden aus dem Bett, der eventuell die Situation besser beurteilen kann. Womit der dann auch hellwach ist. Und sich der Sache annimmt. Was tun? Anrufen. Erfolglos. Was jetzt? Versuchen jemand näher Bekannten aufzuscheuchen. Aber wenn es blöd läuft, läuft es eben komplett blöd. Keiner zu erreichen, gerade jetzt offline. Passiert sonst fast nie. Andere Kontaktdaten sind nicht bekannt.

Was tut man, wenn man mehrere hundert Kilometer von der Person, um die man sich gerade wirklich ernsthafte Sorgen macht, entfernt ist? Wenn man niemanden erreicht, wenn zu so später Stunde das gesamte soziale Netzwerkgefüge nichts nützt? Wenn keiner reagiert, keiner in der Nähe ist, keiner direkt helfen kann? Wenn vor allem der Mensch, um den es geht, ganz untypisch auf überhaupt nichts reagiert? Wenn man wirklich richtig Angst, hat, dass sich da gerade jemand etwas antut? Letzter Ausweg, Polizei verständigen. Tweets vorlesen um die Situation zu schildern. Die sagen, sie fahren vorbei, können aber nicht mehr tun als klingeln und nachfragen. Am Ende tun sie dann aber doch mehr. Das erfahre ich dadurch, dass sich der Mensch um den wir uns Sorgen gemacht haben, plötzlich auf Twitter beschwert. Wie man ihn so falsch einschätzen könnte. Das wäre doch gar nicht ernst gemeint gewesen.

Na, danke! Da sitzt man hilflos da, versucht zunächst alles andere, alles scheitert, man greift zum letzten möglich erscheinenden Ausweg, aus ernsthafter Angst um einen anderen Menschen und dann wird sich darüber beschwert, dass Polizei kam. Eventueller Alkoholkonsum hin oder her, Aufregung, Schreck was auch immer.

Liebe Leute, denkt doch bitte darüber nach, bevor ihr derartige Tweets abschickt, die man mißverstehen kann. Oder besser, bei denen die Möglichkeit besteht, dass andere sie ernst nehmen, auch wenn sie so nicht gemeint sind. Ein bekanntes Manko der von uns verwendeten Kommunikationsform Twitter ist nämlich, dass man bei der Interpretation der Worte ausschließlich auf diese in der der schriftlichen Form angewiesen ist. Der Lesende hört nicht den Tonfall, den der Schreibende sich denkt. Man sieht sein Gegenüber nicht, hat keine Mimik und Gestik anhand derer man die Situation einschätzen könnte.

Überlegt lieber einmal zuviel, ob Tweets, die locker als Suizidgedanken interpretiert werden können, wirklich so abgeschickt werden müssen. Denn ja, es könnte sein, dass andere darauf reagieren. Und beschwert Euch doch bitte hinterher nicht darüber, dass jemand anderes Euren Tweet und damit Euch selbst ernstgenommen und gehandelt hat. Dass ihr jemandem so wichtig wart, dass er richtig Angst um Euch hatte.

Ich will hier auf keinen Fall eine Grundsatzdiskussion in Gang setzen, ob nicht jeder selbst entscheiden können sollte, ob er sein Leben beendet. Die Meinungen darüber sind so vielfältig, wie die Todesformen selbst. Aber wer wirklich sicher ist, seinem Leben ein Ende setzen zu müssen, der sollte vielleicht davon absehen, den Suizid öffentlich anzukündigen (wichtiger Hinweis: In diesem Fall war es keine direkte Ankündigung!). Denn wer selber wirklich nicht mehr weiterleben will, sollte vielleicht dennoch an die denken, die zurückbleiben. Die dann sicher auch mit den Gedanken da sitzen, wie sie hätten helfen können, ob sie nicht vielleicht eine Schuld trifft.  Ich erinnere mich an einen Fall, in dem alle Hilfe zu spät kam, trotz Twittersuch- und rettungsaufrufen.

Was hätten wir neulich tun sollen? Darauf spekulieren, dass das alles nicht so wild ist? Dass sich das schon von selbst erledigt? Wieder ins Bett gehen und ruhig schlafen? Was ist auch für hoffentlich nie eintretende zukünftige Fälle das richtige Verhalten? Abwarten und hinterher vielleicht dasitzen mit dem Gedanken, dass man es eventuell hätte verhindern können? Ja, da ist dann eine Form von Egoismus dahinter. Ich will alles getan haben, um wenigstens keine Schuldgefühle zu haben. Aber ist das nicht menschlich und ist das nicht auch gut so?

Was lerne ich aus diesem „Fall“? Beim nächsten Mal den Absender der besorgniserregenden Tweets lieber verrecken lassen? Weil der es ja eventuell gar nicht ernst gemeint haben könnte? Weil er am Ende vielleicht sogar noch sauer darüber ist, dass man gehandelt hat?

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