Twitterunterstützes Reisen mit Stillstand

Sony Xpreia Active AusschnittDie letzte Woche hatte es in sich. Ich war unterwegs im Leben anderswo, aber mit starker Bindung zum NetLeben. Zuerst zur re:publica in Berlin, danach dann mit Töchterchen nach Segeberg zu Opa. Letzteres machen wir immer 2-3 Mal im Jahr. Ersteres war neu für mich. In vielerlei Hinsicht. Was auch neu war auf beiden Reisen: Ich machte regen Gebrauch von meinem Smartphone (und meinem iPad). Während der re:publica ist das nicht weiter verwunderbar, drumherum jedoch schon.
Es begann morgens mit der Bahnfahrt. In verschiedenen „Gebrauchsanweisungen“ zur re:publica hatte ich gelesen, dass man unbedingt seinen Reisebeginn twittern müßte. Ich überlegte, ob ich das nun rein aus Prinzip auch machen würde. Und ertappte mich dann dabei, dass ich es schlicht deswegen tat, weil ich nichts mit mir anzufangen wußte, da auf dem Bahnsteig absolut nichts los war. Und weil der Bahnmitarbeiter, der mir einen Parkschein aushändigte, schon am frühen Morgen so guter Laune war.

(Hinweis zur Lesung der Screenshots: Sortiert von unten nach oben 🙂 )

Tweets bei Reiseantritt

Schließlich ging es los. Ich mit meinen diversen Eigenheiten, die alle gegen das Bahnfahren sprechen, saß nach dem Regionalexpress im ICE 374 von Frankfurt nach Berlin. Der erste Schock für mich Platzangstmensch: Der „Fensterplatz“ hatte nur wenige Zentimeter Fenster neben meiner Rückenlehne. Noch dazu war die Luft nicht als solche zu bezeichnen. Ich bekämpfte die aufkeimende Panik mit – genau – twittern.

Irgendwas auf dem iPad spielen, einfach ein Buch lesen – das half nicht. Ich fand überflüssig, was ich da twitterte, sagte mir, das interessiert doch keinen (außer @bb_wortgewandt, die in Göttingen neben mir Platz nehmen sollte). Dennoch twitterte ich, las aber vor allem intensiv, was andere so schrieben. Als es im ICE dann langsam kühler wurde, beruhigte ich mich auch ein wenig. Ich schaffte es, nicht an der nächsten Haltestelle panisch aus dem Zug zu springen. Heilfroh war ich, als ich die Twitter-Kommunikation durch eine mit einem direkten Gegenüber ersetzen konnte. Sonst hätte der Smartphone-Akku die Bahnfahrt nicht überstanden.

Die Tage in Berlin, meine Gedanken und Erfahrungen zur re:publica – das kommt in den nächsten Tagen in einem gesonderten Beitrag. Hier kommunizierte ich dann auf unterschiedlichsten Wegen. Sogar ganz außergewöhnlich per Telefon, um mich mit jemandem zu treffen. Als jedoch am Montag Abend das Vodafone Netz ausfiel, fühlte ich mich plötzlich vollkommen isoliert. Denn außerhalb der Station gab es ja auch kein WLAN. Ich lieh mir also ein Telefon, um meiner Tochter Gute Nacht zu sagen. Nein, das war nichts für mich, für die Lütte nicht erreichbar zu sein. Denn genau das hatte ich ihr versprochen: Was auch immer ist, sie kann mich jederzeit anrufen. Zum Glück ging das Netz nach ein paar Stunden wieder…

Am Mittwoch mußte ich dann zurück. Dieses Mal ohne Gesellschaft während der Bahnfahrt. Das Abteil war brechend voll. Mit dabei mehrere Kleinkinder mit unterschiedlichem elektronischen Spielzeug. Nach drei Tagen re:publica kämpfte ich mit dem so anderen Lärmpegel im ICE.

Tweets Rückfahrt Berlin-Frankfurt

Mich auf’s Lesen zum Beispiel des re:publica Readers der ersten beiden Tage zu konzentrieren, war schlichtweg unmöglich. Wenigstens hatte mein Fensterplatz dieses Mal wirklich ein Fenster. Sonst wäre ich wohl doch dem Wahnsinn verfallen. Wieder beruhigte ich mich mit twittern. Lesen und schreiben. Es tat gut, mit den anderen, die noch in Berlin waren, wenigstens per Twitter verbunden zu sein. Manchmal schrieben sie mir aber zu wenig und ich kämpfte wieder mit meiner Offline-umgebung. Als ich dann endlich im wesentlich ruhigeren Regionalexpress saß, hatte ich nur noch 23% Restakku. Kaum im Auto landete das Smartphone dann am Ladekabel. Leben am Strom-Limit, auch so eine neue Reiseerfahrung.

Am Donnerstag ging es dann auf die Autobahn. Ich war heilfroh, nicht wieder Bahn fahren zu müssen. Aber es kam ein wenig anders, als ich es erwartet hätte. Rund um Frankfurt war einiges los, es war wuselig zu fahren, die erste Rast folgte ziemlich bald, weil meiner kleinen Beifahrerin übel wurde. Bremsen, Gas geben, Haken schlagen, weil einer mal eben ohne zu gucken die Spur wechselt etc. Das Übliche eigentlich. Ich griff wieder zu Twitter. Diesmal, um @ol_sen dezent mitzuteilen, dass er nicht allzu bald mit der Nachricht unserer Ankunft rechnen müßte.

Tweets Fahrtbeginn nach Segeberg

Was uns danach noch erwartete, ahnte ich nicht. Während der Fahrt greife ich prinzipiell nicht zum Handy. Aber in der Pause machte ich meiner Anspannung Luft. Das Wichtigste war, meinen Vater zu verständigen, dass wir um einiges später als erwartet eintreffen würden. Das tat ich simpel per Anruf.
Bis Göttingen wechselten sich Baustellen mit Unwettern ab. Der Regen prasselte so laut, dass wir die CD ausmachten, weil wir nichts mehr verstehen konnten. Kurzfristig stand der Verkehr auf der Autobahn sogar nahezu still, denn man sah nichts mehr, die Scheibenwischer konnten das Wasser genauso wenig wegschaufeln, wie die Autos durch den entstehenden Fluß hätten schwimmen können.

Tweets Unterhaltung

Tochter spielte am iPad und ich? Klar, ich griff zumindest in den Pausen zum Smartphone, in diesem Fall dann auch um per Nonmention Bericht über unser Fortkommen zu erstatten. Ja, der Donnerstag entwickelte sich zu meinem persönlichen Twitter-Nonmention-Hochfrequenztag.
Nach 7,5 Stunden kamen wir schließlich am Ziel an und wurden liebevoll umsorgt. Ja, auch die teilweise anstrengende, nervige Fahrt hatte sich alleine deswegen gelohnt.

Der Freitag nahm nicht so ganz den erwarteten Verlauf, nein, den streiche ich aus meinem Kalender. Samstag stand ich am Dorfjugend-Fußballfeld und ertappte mich beim mitfiebern. Und nicht nur dabei.

Tweets Fussballplatz

Klar, hier interessierte sich keiner für mich, also griff ich wieder zum Handy. Und fing lagsam an, mich über mich zu wundern. Denn mir wurde das zuviel, was ich da während der Woche belangloses vor mich hintwitterte. Ich störte mich selber damit. Ich fand es blöd. Und tat es trotzdem. Weil ich nicht so recht etwas mit mir anzufangen wußte. So toll war das Fußballspiel bei Herbstwetter im Mai nun auch nicht.

Am Sonntag ging es dann zurück, schließlich sollte das Kind ja am Montag zur ersten Stunde in der Schule sein. Kein Problem, ich ließ mich sogar noch überreden, zum Mittag zu bleiben. Danach ging es direkt los. Das Navi vermutete, wir seien um 17: 53 Uhr zu Hause. Schon kurz vor Hamburg revidierte es seine Meinung jedoch. Wir standen im Stau. Der war so lang, dass da als erwartete Ankunftszeit plötzlich was von 19:37 stand. Ich mußte auf Toilette. Tochter schließlich auch. Aber wir rollten ja nur voran. Endlich kam die Raststätte Stillhorn in Sicht und wir sogar irgendwann dort an. Dachten wir. Leider war es sie komplett überfüllt und ich fand keinen Platz für mein Auto. Die nächste Abfahrt war unsere. Wir suchten mittlerweile leicht verzweifelt nach McDonalds oder BurgerKing o.ä. am Straßenrand. Aber es fand sich gar nichts. Als wir an der internationalen Gartenschau vorbeifuhren, entdeckte Töchterchen in der Ferne ein McDonalds Logo. Hin da. Raus aus dem Auto, Wettrennen zur Toilette. Danach eine Cola zur Aufmunterung, Papa anrufen, ob er spontan eine Alternativ-Route im Kopf hat. Mein Navi wollte mir so recht nichts anbieten. Papa auch nicht. Außerdem waren wir natürlich nicht die einzigen, die nicht weiter auf der A1 rumstehen wollten.

So kämpften wir uns also durch Harburg und Sinstorf und landeten doch wieder auf der Autobahn. Allerdings hatten wir tatsächlich ein gutes Stück vom Stau umfahren. Na gut, teilweise auch umstanden.
Weiter rollten wir auf der A7 Richtung Hannover. Tochter freute sich über das iPad, ich über mein Smartphone mit Twitter-Verbindung. Ja, am Sonntag hatte ich einiges zu berichten. Es hat zunächst kaum jemanden interessiert (warum auch?), je länger ich unterwegs war, um so mehr Reaktionen kamen jedoch auf meine Tweets. Wie gesagt, ich greife prinzipiell nicht zum Handy, während ich fahre. Wenn ich im Stau stehe, dann aber doch. Ich möchte gar nicht versuchen, darüber nachzudenken, welche Ohrka Hörbücher wir insgesamt an dem Tag gehört haben.

Tweets Rückfahrt nach Hause

Im Laufe des Stehens fing ich an, mich zu fragen, wie lange ich das rein konzentrations- und wachheitstechnisch noch überstehen würde. Wäre nicht am nächsten Tag Schule gewesen, wäre ich wahrscheinlich schon in Hamburg wieder umgekehrt, oder hätte gegen 18 Uhr angefangen, mir eine Unterkunft zu suchen.

Es gab kurze Phasen, in denen die Straße frei war. Ohne Rücksicht auf den Benzinverbrauch stellte ich fest, dass mein Auto durchaus in der Lage ist, längere Strecken 180 zu fahren. Was mich dann aber wirklich aufregte, waren zwei Stop and Go Phasen an deren Ende die Ursachen dafür klar waren: Unfälle auf der Gegenfahrbahn. Wir haben an diesem Tag mindestens 1,5 Stunden im Stau gestanden, weil irgendwelche Idioten gaffen mußten! Kaum an den Unfallstellen vorüber, hatten wir freie Fahrt. Ja, da war ich genervt.
Das habe ich allerdings nicht getwittert, denn am Ende der Gafferzone hatte ich Wichtigeres und auch eindeutig Besseres zu tun: endlich weiterfahren.

Wen ich im Laufe der Fahrerei immer mehr bewunderte, war meine Tochter. Sie hat nicht ein einziges Mal gequengelt, nicht mal ansatzweise. Auch die Frage „Wann sind wir da?“ kam sachlich und mit Einschub
„wenn wir denn auch richtig fahren“. Sie erhält von mir zum wiederholten Male den Titel »Beste Beifahrerin der Welt«.

Diese Rückfahrt hat fast 11 Stunden gedauert, um 22:58 Uhr fuhren wir in die Garage. Allen, die zwischendrin mitgetwittert hatten, teilte ich noch fix mit, dass wir zu Hause angekommen seien. Dann fielen wir ins Bett. Ganz ohne ein persönliches Danke an einzelne, wir waren nur noch erledigt. Nun stehe ich seit Sonntag quasi still, ich brauche nach der Woche mindestens drei Wochen Urlaub. Ganz langsam kehrt so etwas wie Leben in mich zurück.

Tweets dass wir angekommen sind.

Ich habe kurz überlegt, ob ich einige meiner Tweets der so unterschiedlichen Fahrten wieder lösche. Weil sie so unbedeutend sind. Aber letztlich sind sie selbst dazu zu unwichtig. Die rauschen in der Timeline einfach so durch. Ich bin nur erstaunt, wie intensiv ich in diesen Ansätzen von Panik, oder bei Langeweile plötzlich getwittert habe. Teilweise ziemlich Einbahnstraßenmäßig, einfach nur, um es irgendwo in den Raum zu werfen. Auch wenn ich mir mit mir selber über dieses Verhalten nicht ganz einig und schon gar nicht damit zufrieden bin: Danke an alle, die via Twitter streckenweise mit mir gereist sind.

Einen Nebeneffekt hatte die viele Twitterei mit meinem kleinen Xperia Active: Das Erwischen der richtigen Buchstaben auf der Mini-Tastatur gelingt immer besser.

Kommentare sind geschlossen.